Neuer Lebensraum für das „Wappentier“

Kartierung bei Kerzenheim (Bild: Elke Hietel, TH Bingen)

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Die Gemeinde Kerzenheim kann von einer Kooperation mit der TH Bingen profitieren. Wildwuchs soll dort das neue Chic werden.  

„Vom unvoreingenommenen Blick Anderer profitieren, neue Ideen bekommen.“ Das ist im Kern der entscheidende Vorteil, den Karsten Bessai in einem gemeinsamen Projekt mit der Technischen Hochschule (TH) Bingen sieht. Sechs Student:innen haben in einem Praktikum zum Thema Landschaftsökologie drei Brachflächen der pfälzischen Gemeinde Kerzenheim untersucht. Bessai, ehrenamtlicher Klimaschutzpate seiner Kommune, hatte über das „KlikK aktiv"-Projekt der Energieagentur Rheinland-Pfalz den Kontakt zwischen Hochschule und Gemeinderat hergestellt.

Herausgekommen ist eine beachtliche Vielfalt von Vorschlägen, wie die bereits grünen Flächen für die Menschen attraktiver und zugleich im Sinne der Biodiversität wertvoller gestaltet werden können. Denn das war der Ansatz der Kerzenheimer: im Angesicht des Klimawandels Lebensräume für Kleintiere zu schaffen. Karsten Bessai erkennt dabei durchaus auch mögliche Zielkonflikte mit Teilen der Bürgerschaft: „Nur ordentlich, aufgeräumt und sauber – so  dürfen solche Flächen eben nicht sein. Wildwuchs kann und muss das neue Chic werden.“

Im Klimaschutz Akzente setzen

Seit zwei Jahren ist Bessai als Klimaschutzpate für seinen Ort aktiv. Zuvor war er im Rahmen einer Aktion im nicht weit entfernten Ort Bennhausen mit dem Projekt „KlikK aktiv“ der Landesenergieagentur in Berührung gekommen – in seinem Hauptberuf als Koch. Die Projektidee nahm in gefangen: Anstöße zu liefern, wie auch kleine Gemeinden ohne große Finanzmittel im Klimaschutz Akzente setzen können.

Ein solcher Akzent könnte die Umgestaltung jener Freiflächen am Kerzenheimer Ortsrand sein, für die in der Einschätzung des Gemeinderates sinnvollere Nutzungen wünschenswert wären. Mehrere Hektar Gemeindeland beiderseits eines Fahrwegs haben die Studierenden der TH Bingen im Zuge ihrer Arbeit untersucht. Den Winter über entstand ihre Studie; eine erste Kurzpräsentation für den Gemeinderat hat Klimaschutzpate Bessai geliefert. Eine umfassende Bürgerinformation ist in Vorbereitung.

Denn die Bevölkerung soll sich ebenfalls anstecken lassen von der Begeisterung für das Projekt, die aus den Vorschlägen der Studie spricht. Die drei Flächen könnten einen bewusst ganz eigenen  Charakter bekommen, jeweils verschiedenen Ansprüchen genügen. Eher als Lebensraum für Tiere gedachte Bereiche würden etwa als Blühweise gestaltet, ergänzt um Steinhaufen und Totholz-Streifen; die Menschen könnten sich an Weidenzelt oder Baumstamm-Mikado, an Barfußpfad oder Kräuterschnecke erfreuen.

Die in enger Abstimmung mit den Entscheidern vor Ort entwickelten Vorschläge sind Teil der universitären Ausbildung an der TH Bingen. Professorin Elke Hietel lässt jeweils im Wintersemester ein gutes Dutzend Studierenden-Teams ausschwärmen, um konkrete Planungen für Gemeinden zu erarbeiten.

Von den realitätsnahen Aufgaben profitieren die angehende Landschaftsökologen, die kommunalen Partner und die Hochschule. Professorin Hietel ist „froh über die Vielfalt an unterschiedlichen Herausforderungen, die sich aus der Zusammenarbeit mit den Gemeinden immer wieder neu ergeben“, sagt sie.

Neue Projekte ab Herbst

Ab Oktober werden wieder neue Projekte in Angriff genommen. Die Projekt-Liste ist knapp voll; wenige kurz entschlossen schnell handelnde Gemeinden haben aber durchaus noch eine Chance teilzunehmen. Die Vergabe erfolgt über das „KlikK aktiv“-Nachfolgeprojekt „KlikKS“ bei der Energieagentur Rheinland-Pfalz.

In Kerzenheim wird der Gemeinderat entscheiden, welche Einzelbausteine aus dem Katalog der  studentischen Vorschläge umgesetzt werden. Dabei wird die Resonanz aus der Bürgerschaft durchaus eine wesentliche Rolle spielen.

Für den ehrenamtlichen Klimaschutzpaten Karsten Bessai steht aber schon jetzt fest: „Die Studis haben einen tollen Job gemacht.“ Und das macht er nicht zuletzt daran fest, dass sie auf Kerzenheimer Besonderheiten gezielt eingegangen sind. In ihren Lebensraum-Konzepten spielen Unterschlupf- und Sonnenplätze für Eidechsen eine bedeutende Rolle. Die Eidechse, sagt Bessai „ist sozusagen unser Wappentier“.


Info: Das neue Projekt „KlikKS“

Das Projekt „Klimaschutz in kleinen Kommunen und Stadtteilen durch ehrenamtliche Klimaschutzpat:innen“ (KlikKS) verknüpft die Themen Ehrenamt und Klimaschutz.

Engagierte können sich ehrenamtlich am Klimaschutz in ihrer Gemeinde beteiligen und gemeinsam mit der Kommune neue Ansätze und Wege des Klimaschutzes finden. Unterstützung finden die Klimaschutzpat:innen und Kommunen im Projekt durch die Regionalmanager:innen der Energieagentur Rheinland-Pfalz.

Gemeinsam mit sieben weiteren Partnerbundesländern knüpft „KlikKS“ an den Erfolg vom Projekt KlikK aktiv an, das 2021 mit dem „Climate Star“ des europäischen Städtenetzwerks ausgezeichnet wurde. Im Rahmen dieses Pilotprojektes wurden 44 ehrenamtliche Klimaschutzpat:innen in 37 Kommunen aktiv und setzten 178 Projekte in ihren Kommunen um.

Ansprechpartner beim Projekt KlikKS der Energieagentur Rheinland-Pfalz sind die Regionalmanager:

Sabrina Wolf, Telefon 0261 – 57 94 19 56, sabrina.wolf(at)energieagentur.rlp(dot)de
Nils Krüger, Telefon 0631 – 34 371-232, nils.krueger(at)energieagentur.rlp(dot)de


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