Mut zum Experiment: Wie Kommunen das Klima schützen und sich an den Klimawandel anpassen können

Bild: Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie

Sind die Straßen zu schmal für moderne Autos und bieten Parkhäuser nicht genug Platz für sie? Oder werden nicht vielmehr die Autos zu groß für unsere Infrastrukturen? Warum ist der öffentliche Raum vorrangig am Autoverkehr orientiert? Nicht Autos als Maßstab nehmen, sondern kreative Lösungen finden, verbunden mit dem Mut, Experimente zu wagen, meint dazu Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs Stadtwandel am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in Wuppertal.

Die Treibhausgasemissionen müssen schneller abnehmen

Bierwirth zog bei der Online-Veranstaltung „Klimaschutz und Klimaanpassung – Herausforderungen für die Kommunen der Region Rhein-Mosel-Eifel“ der Energieagentur Rheinland-Pfalz vor knapp 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zunächst Bilanz: „Von 1950 bis 1989 stieg der Energieverbrauch um 183 Prozent. Die Minderung betrug allerdings von 1990 bis 2018 nur 11 Prozent. Weniger Energie zu verbrauchen scheint also deutlich schwerer zu sein als mehr Energie zu verbrauchen.“ Der Energieverbrauch im Verkehrsbereich sei heute sogar höher als vor 30 Jahren. Der Ausstoß an Treibhausgasen habe sich in diesem Zeitraum durch den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien vor allem bei der Stromerzeugung zwar erkennbar verringert. „Aber das passiert nicht schnell genug, um die Klimaziele erreichen zu können“ so Bierwirth.

Gebäude, Verkehr und öffentlicher Raum – Handlungsfelder der Kommunen

Wie können Kommunen die Klimakrise meistern und für neue Entwicklungen nutzen? Beim Wohnen und Arbeiten seien flächen- und ressourcenschonende Antworten gefragt: Beispiele seien Konzepte für einen Wohnungstausch, für die Verringerung der Leerstände von Nichtwohngebäuden oder zur Umwandlung wenig genutzter Räume in Bürogebäuden in Co-Working-Spaces.

Angesichts verstopfter Straßen und schlechter Luft in Innenstädten auch in Zeiten der Corona-Pandemie, Fahrrad-Boom und dem Verlierer ÖPNV plädierte Bierwirth für die Reduzierung des Autoverkehrs und den forcierten Ausbau von Infrastrukturen mit Umsteigemöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Verkehrsmitteln.

Die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums, der für viele Menschen jetzt in der Pandemie noch größere Bedeutung als Aufenthaltsort gewonnen habe, sei stark verbesserungswürdig. Mehr Stadtgrün, Schaffen kurzer Wege durch regionalwirtschaftliche Angebote, Umwidmung von (Parkplatz-)Flächen: Um die Menschen mitzunehmen, seien Beteiligungsprozesse sinnvoll. Und für experimentelle Ansätze seien die Betroffenen oftmals zu haben. Wie das aussehen kann, präsentierte Bierwirth am Beispiel von Barcelonas „Superblocks“, begrünten Stadtquartieren, in denen nur der Anwohner- und Lieferverkehr zugelassen ist.

Diskussion zu Erfolgen und Herausforderungen in der Region

Die Vertreter der regionalen Gebietskörperschaften stellten im Anschluss an den Vortrag in kurzen Statements ihre Erfahrungen bei der Umsetzung von Klimaschutzprojekten vor und diskutierten Erfolge und Hemmnisse mit dem Moderator Jens Hasse vom Deutschen Institut für Urbanistik. Vor allem die Notwendigkeit, sich neben dem Klimaschutz auch auf die Folgen des Klimawandels einzustellen, ist für die Kommunen noch ein Lernprozess.

Die rege Diskussion zeigte, dass sich Kommunen zum einen bessere Voraussetzungen für die Umsetzung eines ambitionierten Klimaschutzes wünschen. Das könne durch gezielte Angebote des Landes, wie zum Beispiel Verkehrsscouts für den Umbau der Mobilität geschehen, durch Vorgaben wie eine Solarpflicht bei Neubauten sowie durch eine Verbesserung des Austauschs untereinander und der Information über Good-Practice-Beispiele. Zum anderen wurde der Abbau von Hemmnissen genannt wie die lange Dauer von Genehmigungsverfahren.

Synergien nutzen, Akeure beteiligen, Experimente wagen

Vorhandene Potentiale und Kapazitäten könnten durch Synergien wie zum Beispiel zwischen Klimaschutz und Wirtschaftsförderung, aber auch durch die Einbindung ehrenamtlicher Akteure besser genutzt werden. Mit Angeboten zur Beteiligung und Mitwirkung von Privatpersonen sowie gesellschaftlicher Gruppen würden nicht nur die Akzeptanz, sondern auch neue Ideen gefördert. Ganz im Sinne des Appells von Anja Bierwirth an die Kommunen: „Haben Sie den Mut, zu experimentieren!“