28.08.2017

„Lösungsraum Quartier? – Chancen und Hemmnisse nachhaltiger Quartiersentwicklung“

Podiumsdiskussion mit Robert Riechel (difu), Götz von Stumpfeldt (MUEEF), Staatssekretär Dr. Thomas Griese (MUEEF), Daniel Fuhrhop (Buchautor) und Benjamin Herrmann (Energieagentur Rheinland-Pfalz) (v.l.n.r.), Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz

Interessiert verfolgten die 60 Teilnehmer im Jugendhaus Don Bosco den Ausführungen von Dr. Thomas Griese, Staatssekretär im Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten, zum "Wärmekonzept für Rheinland-Pfalz", das im Februar 2017 erstmals vorgestellt wurde. "Wir tun gut daran auch im Wärmebereich eine Energiewende umzusetzen - aus Gründen des Klimaschutzes, aber auch zur Reduktion der Importabhängigkeit. Eine hervorragende auf kommunale Gegebenheiten rücksichtsnehmende Möglichkeit sind energetische Quartierskonzepte.", so Dr. Griese.

Daniel Fuhrhop, Autor der Streitschrift "Verbietet das Bauen", sieht das Quartier als wichtige Handlungsebene in Kommunen, denn der Bestand muss gepflegt und saniert werden. Aus diesem Grund hat Herr Fuhrhop dem Neubau den "Kampf" angesagt. Dabei spielt eine ganzheitliche Betrachtung im Gebäudesektor eine wichtige Rolle. Nicht nur die Energiekosten für den "Betrieb" eines Gebäudes müssen betrachtet werden, sondern auch die Kosten für die Herstellung des Gebäudes, die sogenannte "graue Energie".

Die Bestrebungen des Landes die energetische Quartiersentwicklung stärker in den Fokus zu nehmen, bekräftigte Götz von Stumpfeldt, Referent im Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten, und verwies auf die im Rahmen des Wärmekonzeptes Rheinland-Pfalz angekündigte Zusatzförderung des Landes für energetische Quartierskonzepte und das Sanierungsmanagement.

Was sowohl die Erfolgsfaktoren als auch die Hemmnisse bei der Umsetzung von energetischen Quartierskonzepten sind, referierte Robert Riechel vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu). Herr Riechel sah insbesondere das Potenzial energetischer Quartierskonzepte vielfach noch nicht ausgeschöpft. Er plädierte dafür, mutiger und innovationsfreudiger zu werden und die ausgewählten Quartiere zu "Piloträumen der lokalen Wärmewende" zu machen. Bei aller Konzentration auf das Stadtquartier sei aber der Transfer von Wissen und Instrumenten auf die Gesamtstadt mitzudenken, das kommunale Handeln strategisch entsprechend auszurichten.

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Staatssekretär Dr. Thomas Griese, Daniel Fuhrhop, Götz von Stumpfeldt und Robert Riechel wurde die Wichtigkeit sowohl der Quartiersebene als auch des integrierten Ansatzes, der über das Gebäude auch die Wärmeversorgung, Mobilität oder das Nutzerverhalten betrachtet, deutlich.

 

Fachforen beleuchten das "Leitbild Nachhaltiges Quartier" und "Finanzierungsmodelle"

Im Forum "Leitbild Nachhaltiges Quartier" wurden die unterschiedlichen Facetten eines nachhaltig gestalteten Quartiers diskutiert. Inhaltlich geprägt war das Forum durch das grenzüberschreitende INTERREG-Projekt "GReENEFF - Grenzüberschreitendes Netzwerk zur Förderung innovativer Projekte im Bereich der nachhaltigen Entwicklung und der Energieeffizienz in der Großregion". Die Energieagentur Rheinland-Pfalz erarbeitet momentan gemeinsam mit europäischen Projektpartnern ein grenzüberschreitendes Lastenheft für nachhaltige Quartiere. Die Kriterien des Lastenheftes wurden im Rahmen des Forums vorgestellt und diskutiert. Einen Input zur Quartiersentwicklung jenseits der rheinland-pfälzischen und deutschen Grenzen gab Herr Fenn Faber von Myenergy Luxembourg, Partner im Projekt GReENEFF. Er schilderte anschaulich den luxemburgischen Klimapakt als Strukturierungshilfe für nachhaltige Kommunalplanung. Mit dem preisgekrönten Modernisierungsprojekt Hohenzollern-Höfe aus Ludwigshafen stellte Herr Hagen Förster von der BASF Wohnen + Bauen den interessierten Teilnehmern ein Praxisbeispiel vor, in dem bereits viele Aspekte einer nachhaltigen Gestaltung berücksichtigt wurden.

 

Das Forum "Finanzierungsmodelle" widmete sich der im INTERREG-Projekt "Climate Active Neighbourhoods" zu bearbeitenden Frage, wie finanzierungsbedingte Hemmnisse der energetischen Quartiersentwicklung "ausgehebelt" werden können.

Harald Schottenloher, Geschäftsführer für Finanzen und Vertrieb der Online-Plattform "bettervest" stellte den Ansatz des Crowdinvestings vor. Dabei geben Kleinanleger - die "Crowd" - attraktiv verzinste Nachrangdarlehen für Effizienzinvestitionen, die der Darlehensnehmer durch die erzielte Energieeinsparung refinanziert. Darlehensgeber und -nehmer werden über die Online-Plattform zusammengebracht. Die Anleger und auch die Plattform selber gehen ins unternehmerische Risiko, Schottenloher betonte jedoch die eingehende technische und wirtschaftliche Prüfung der eingereichten Effizienzprojekte durch das bettervest-Team, die auch so manchen Vorhabenträger schon vor falschen Entscheidungen bewahrt habe. Crowdinvesting kann für den Darlehensnehmer zwar aus Kostensicht nicht mit den derzeit günstigen Bankfinanzierungen konkurrieren, biete dafür aber andere Vorteile: das Geld der Crowd gilt in der Projektfinanzierung als Eigenkapital, und die damit finanzierten Anlagen sind sofort Eigentum des Vorhabenträgers. Daneben wird das Projekt über die Plattform professionell vermarktet. Des Weiteren besteht die Möglichkeit der regionalen Einbettung - und hier auch des spezifischen Quartiersbezuges - indem beispielsweise Bewohner vor Ort oder Mitarbeiter bevorzugt beteiligt werden.

Der zweite Input von Emanuel Heisenberg beleuchtete die Kostenseite von Effizienzinvestionen. Das von ihm vorgestellte Projekt "Energiesprong Deutschland" setzt an den Technologien der energetischen Gebäudesanierung an: die weitreichende Modularisierung und Standardisierung der Sanierung, verbunden mit der industriellen Vorfabrikation der neuen Gebäudehülle, ermöglicht eine zügige serielle Sanierung von Wohngebäuden im Bestand. Dabei wird ein Nullenergie-Standard erreicht. In den Niederlanden, in denen "Energiesprong" erfunden wurde, gelang es mit diesem Ansatz, seit Projektstart die Kosten einer Vollsanierung auf durchschnittlich 650 EUR je m² zu halbieren. 2019 soll "Energiesprong Deutschland" in großem Maßstab an den Markt gehen.