Im Interview: VG Wörrstadt zur Auszeichnung mit dem European Energy Award (EEA)

Klimaschutzmanagerin Daria Paluch und Bürgermeister Markus Conrad von der Verbandsgemeinde Wörrstadt (© VG Wörrstadt)

Die Verbandsgemeinde Wörrstadt ist mit dem European Energy Award (EEA), einem Gütesiegel für energiebewusste Kommunen, ausgezeichnet worden. Damit darf sich Wörrstadt als erste Verbandsgemeinde in Deutschland „Europäische Energie- und Klimaschutzkommune“ nennen.

Der EEA ist ein vielfach erprobtes Qualitätsmanagementsystem und Zertifizierungsverfahren, das auf europäischer Ebene entwickelt wurde und umgesetzt wird. Ziel ist es, die Qualität der Energieerzeugung und -nutzung in einer Kommune zu bewerten, regelmäßig zu überprüfen und Potenziale zur Steigerung der Energieeffizienz zu erschließen. Erfolge werden öffentlichkeitswirksam ausgezeichnet.

Wir haben mit zwei Mitarbeitern der Verbandsgemeinde Wörrstadt gesprochen: Daria Paluch, Klimaschutzmanagerin, und Thomas Sippel, stellvertretender Fachbereichsleiter im Fachbereich Bauen und Umwelt:

Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem EEA!
Um so eine Auszeichnung erhalten zu können, ist viel Vorarbeit notwendig. Wann hat die VG Wörrstadt mit der Energiearbeit begonnen?

Im Jahr 2007 haben wir den Beschluss gefasst, Modellkommune für erneuerbare Energien und Effizienzmaßnahmen zu werden. 2012 haben wir ein integriertes Klimaschutzkonzept beschlossen. Zur Umsetzung dieses Konzeptes wurde 2015 eine Stelle für Klimaschutzmanagement eingerichtet.

Mussten die Organisationsstrukturen bei Ihnen geändert werden, um die Energiearbeit effektiv angehen zu können?
Ja, wir haben innerhalb unserer Verwaltung die Strukturen geändert. So wurden ab 2007/2008 alle liegenschaftsbezogenen Vorgänge wie z.B. Grundstücksangelegenheiten, Bewirtschaftung, Versorgung und bauliche Unterhaltung der Gebäude gebündelt und in das neu geschaffene Sachgebiet „Gebäudemanagement“ überführt.

Wie ging es nach den Umstrukturierungen in der Verwaltung weiter?
Zunächst schafften wir eine CAFM*-Software an, um unseren Gebäudebestand zu verwalten. Diese Software haben wir dann vor zwei Jahren um das Modul „Energiemanagement“ erweitert. Nach Implementierung der Daten sind wir nun in der Lage, Energieberichte zu allen kommunalen Gebäuden zu erstellen. Damit können wir die Entwicklungen der Strom-, Gas- und Wasserverbräuche aufzeigen. Die Energieberichte dienen zudem als Entscheidungsgrundlage, um weitere Energieeffizienz-Maßnahmen aufzustellen und umzusetzen.

*CAFM = Computer-Aided Facility Management

Ziehen Sie doch mal Bilanz: wie viele Energieeffizienz-Maßnahmen wurden in der VG Wörrstadt bereits umgesetzt?
Sehr viele - angefangen beim Austausch von Leuchtmitteln und Elektrogeräten bis hin zu energetischen Sanierungen der kommunalen Liegenschaften oder dem Kauf einer Windenergieanlage.
Erwähnenswert sind sicherlich die folgenden Maßnahmen: die Teilsanierung zweier Grundschulen, die Sanierung der Gemeindesporthalle Saulheim inklusive Aufbau eines Nahwärmenetzes für angrenzende, kommunale Gebäude sowie die Inbetriebnahme eines Faulturms auf der Kläranlage Saulheim und somit bis zu 60% Eigenstromerzeugung.

Welche Maßnahme ist für die VG besonders effizienzsteigernd (CO2 einsparend)?
Eine erhebliche Einsparung werden wir in diesem Jahr erreichen, indem die Straßenbeleuchtungsanlagen im Verbandsgemeindegebiet, genauer gesagt 3.000 Lichtpunkte, auf energieeffiziente LED-Technik umgerüstet werden. Damit werden wir im Durchschnitt eine Stromeinsparung von über 70% erreichen und somit auch eine beachtliche CO2-Einsparung.
Außerdem ist es toll zu sehen, wie effektiv und effizienzsteigernd auch kleinere Maßnahmen, wie z.B. der Austausch von Heizungspumpen und Elektrogeräten oder die Umstellung der Innenbeleuchtung im öffentlichen wie im privaten Bereich, sein können.

Sie haben am Pilotprojekt „dena-EKM“ der Energieagentur Rheinland-Pfalz und der dena teilgenommen. 2016 wurden Sie nach zweijähriger Teilnahme am Projekt als „dena-Energieeffizienz-Kommune“ zertifiziert. War die Teilnahme am Pilotprojekt hilfreich für die spätere Bewerbung für den EEA?
Ja, denn wir konnten auf die Datengrundlagen für den Gebäudebereich zurückgreifen, die wir im Rahmen des Pilotprojektes „dena-EKM“ gesammelt haben. Die Arbeit für die dena-Auszeichnung war für uns ein guter Einstieg in die Prozesse der Energiearbeit und hat sich am Ende doppelt gelohnt.

Welches Themengebiet finden Sie besonders wichtig, bei dem die Bewertung für den EEA über die dena-Zertifizierung hinaus geht?
Bei der Zertifizierung für den EEA werden zusätzlich vor allem die Tiefen der Verwaltungsstruktur durchleuchtet. Das Ziel ist es, die Querschnittsaufgabe „Klimaschutz“ in der Verwaltung zu verankern und das ist gleichzeitig auch die größte Herausforderung. Denn oftmals werden die Themenbereiche Klimaschutz und Energie nur einem bestimmten Bereich zugeordnet. Vielmehr ist es aber so, dass sie nahezu in allen Bereichen einer Verwaltung thematisiert werden müssen. Das beginnt bei der nachhaltigen Beschaffung von Büromaterialien und Elektrofahrzeugen, geht über zu interner und externer Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, sowie einer Vielzahl an Maßnahmen in kommunalen Liegenschaften oder in den Eigenbetrieben. Aber auch größere Projekte wie der Ausbau der Ladeinfrastruktur oder die Umrüstung der Straßenbeleuchtungsanlagen auf LED-Technik gehören dazu.
Der EEA setzt genau da an, denn im ersten Schritt werden alle Bereiche einer Verwaltung untersucht und der Status Quo ermittelt. Dieser notwendige Schritt sorgt dafür, dass man zusammen und insbesondere übergreifend arbeiten muss.

Haben Sie Tipps an andere Kommunen: Wie lässt sich kommunale Energiearbeit optimieren und erfolgreich umsetzen?
Zunächst sollten die erforderlichen Organisationsstrukturen geschaffen werden – dabei müssen alle an einem Strang ziehen. Des Weiteren ist es unabdingbar einen Überblick über die eigenen kommunalen Gebäude sowie deren Verbräuche zu haben, denn nur so können realistische Annahmen getroffen und Maßnahmen entwickelt werden. Ebenso muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden und ein gewisser Rückhalt der politischen Entscheidungsträger gehört natürlich auch dazu.

Welche Maßnahme möchte die VG als nächstes umsetzen?
Der Schwerpunkt im neuen Jahr wird auf der Elektromobilität im ländlichen Raum sowie den Quartierskonzepten liegen: in den kommenden Monaten bauen wir die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge aus: der Energie- und Servicebetrieb Wörrstadt (ESW) errichtet in jeder Ortsgemeinde einen Ladepunkt.
Weiterhin beginnt in Kürze die Erstellung von Quartierskonzepten für fünf unserer Ortsgemeinden. Die hierbei entwickelten Projekte sollen durch ein Sanierungsmanagement begleitet und umgesetzt werden.

Was ist Ihre Vision zu Klimaschutz und Energiewende?
Klimaschutz endet nicht an der Grenze zur nächsten Kommune. Im Raum Rheinhessen ist deutlich zu sehen, wie sich immer mehr Kommunen diesen Themenfeldern widmen und viele dieser Kommunen arbeiten bereits heute zusammen an Projekten. Und genau so muss es weitergehen, damit aus einer Vision Realität wird.

(Interviewfragen: Anna Deisenhofer, Energieagentur Rheinland-Pfalz)

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Bild unten: Thomas Sippel, stellvertretender Fachbereichsleiter im Fachbereich Bauen und Umwelt (© Energieagentur Rheinland-Pfalz)