25.09.2017

Im Interview: Verbandsgemeinde Bad Ems setzt auf Bürgerdialog beim Klimaschutz

Lars Hilgert (Gebäudemanager VG Bad Ems) freut sich über die Auszeichnung (Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz/Sonja Schwarz)

Die Verbandsgemeinde Bad Ems hat von der Deutschen Energie-Agentur (dena) das Zertifikat als Energieeffizienz-Kommunen erhalten. Damit erhält die Verbandsgemeinde die Bestätigung für die erfolgreiche Einführung eines Energie- und Klimaschutzmanagements (EKM).

Bad Ems strebt eine Energieeinsparung von etwa sechs Prozent hauptsächlich in kommunalen Gebäuden und bei der Stromnutzung an. Erreicht werden soll das unter anderem mit Geothermie: Warme Grubenwässer aus dem nahen Stadtstollen sollen künftig das Rathaus – und bei erfolgreicher Prüfung weitere Gebäude – beheizen. Außerdem werden mehrere Turnhallen auf LED umgerüstet und im Rahmen eines Energieliefer-Contractings wird die Heizungsanlage einer Realschule erneuert.

Im Interview äußern sich Klimaschutzmanager Nico Hickel und Gebäudemanager Lars Hilgert zu den Herausforderungen, die sich mit der Einführung eines Energie- und Klimaschutzmanagements ergeben.


Seit 2012 hat Bad Ems das Thema Klimaschutz als grundlegenden Teil der kommunalen Aufgaben definiert. Was war der Grund für diese Prioritätensetzung innerhalb der Verwaltung?

Hilgert: Das Thema Klimaschutz hat in Bad Ems schon seit geraumer Zeit einen hohen Stellenwert. Wir haben die Möglichkeit des Bundesumweltministeriums, ein gefördertes Klimaschutzkonzept zu erstellen und umsetzen zu können und gleichzeitig die Stelle eines Klimaschutzmanagers zu schaffen, gerne in Anspruch genommen. Damit verbunden war der Anspruch, das Thema Klimaschutz in der Verbandsgemeinde langfristig zu etablieren und auszubauen.

Regionale Wertschöpfung ist ein wichtiger Faktor bei der Umsetzung Ihres klimapolitischen Leitbildes. Ist dieses Vorhaben Ihrer Einschätzung nach bereits erreicht worden?

Hickel: Da es sich um ein kommunalpolitisches Leitbild handelt, ist es uns natürlich wichtig, das Thema in der Region zu verankern. Wir merken das bei bestimmten Maßnahmen etwa im Baubereich, wo wir auf regionale Fachplaner zurückgreifen können, weil sie natürlich durch ihre Nähe entsprechend zeitnah reagieren können und die Gegebenheiten vor Ort bestens kennen. Wir gehen deshalb fest davon aus, dass gerade bei speziellen Bauprojekten aufgrund dieser Bedingungen die regionale Wertschöpfung sichergestellt ist.

Lässt sich das 2015 eingeführte EKM auch kommunikativ nutzen für einen bewussteren Umgang der Bürger mit Energie?

Hickel: Das ist in jedem Fall so. Wir haben innerhalb des Prozesses zunächst die notwendigen internen Strukturen geschaffen. Durch die Zertifizierung der dena ist es ganz klar ein Vorbildprojekt. Das betrifft die Maßnahmen, die aus dem Prozess heraus entstanden sind, aber auch neue Maßnahmen, die sich daraus ergeben. Das wird eine Best-Practice-Wirkung haben. Aber für uns besteht damit auch die Möglichkeit, bei geplanten Klimaschutzmaßnahmen bzw. -projekten in privaten Haushalten, im Verkehrsbereich und in den Unternehmen ein bisschen mehr den Fuß in die Tür zu bekommen, indem klar wird, dass die Verwaltung ernsthaft bemüht ist und aktiv dabei ist, selbst sämtliche Potenziale zu nutzen.

Unterstützt die erhaltende Zertifizierung als energieeffiziente Kommune Ihr Bemühen, die Sinnhaftigkeit von Klimaschutz bei den Bürgern noch besser zu verankern?

Hickel: Die Zertifizierung ist auf jeden Fall ein Bonus: das Thema Klimaschutzkonzept an sich und die Kommunikation der Klimaschutzmaßnahmen aus dem dena-Projekt wollen wir möglichst transparent nach außen tragen. Damit wollen wir als Kommune einerseits eine Vorbildfunktion ausüben, weil wir nicht einem Bürger sagen können: nimm viel Geld in die Hand für die Sanierung deiner Wohnung, während die Verwaltung vielleicht einen 40 Jahre alten Heizkessel betreibt. 

Hilgert: Ein kurzes Beispiel dazu: Eine betreute Grundschule hat kürzlich den Bedarf für einen neuen Kühlschrank geäußert. Wir haben die Schulleitung dann darauf hingewiesen, dass in diesem Fall nur ein Gerät mit Energielabel A+++ in Frage kommt. Das haben wir natürlich auch so kommuniziert und wir erhoffen uns über ein solches Thema eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit und insbesondere der Kinder. Kinder haben bekanntlich einen hohen Einfluss auf Kaufentscheidungen ihrer Eltern. Das ist zwar nur ein kleines Beispiel, aber wir sehen auch, dass Produkte, die klimafreundlicher sind, oftmals noch entsprechend teurer sind. Angesichts knapper Kassen ist es immer ein schwieriges Unterfangen, den politischen Gremien die Sinnhaftigkeit solcher Entscheidungen zugunsten teurerer Produkte zu verdeutlichen. Da steht uns sicher noch ein langer Weg bevor. 

Können sich Bürger mit eigenen (Energieeffizienz)Vorschlägen bei der Verwaltung einbringen?

Hilgert: Natürlich haben die Bürger die Möglichkeit, sich über die Kommunen vor Ort einzubringen: Jede Gemeinderatssitzung ist öffentlich, es gibt Einwohnerfragestunden, auch darüber kann man etwas bewegen. Unsere Tür steht immer offen, das hat auch unsere Verwaltungsspitze immer so praktiziert. Offenheit gegenüber Vorschlägen von Bürgerseite ist für uns selbstverständlich.

Welche Bestandteile des dena-EKM Prozesses haben Ihrer Eischätzung nach eine besonders nachhaltige Wirkung entfaltet?

Hickel: Der Prozess ist auch mit der Zertifizierung nicht zu Ende. Ob es um die Verstetigung der Arbeitsgruppen geht oder die Verabschiedung des klimapolitischen Leitbildes zu einem sehr frühen Zeitpunkt durch den Verbandsgemeinderat. Damit haben wir politisch einen gewissen Rückhalt erreicht und dem Leitbild ein entsprechendes Gewicht gegeben. Für unsere Arbeit bedeutet dies, dass wir uns in gewisser Weise auch darauf berufen können, wenn die Planung und Umsetzung und Finanzierung entsprechender Projekte und Maßnahmen ansteht. Das vereinfacht in der Praxis vieles.

Sie arbeiten als Verantwortlicher für das Gebäudemanagement der Verbandsgemeinde eng mit dem Klimaschutzmanager zusammen. Hat sich dabei so etwas wie ein gegenseitiger Lerneffekt eingestellt?

Hilgert: Natürlich, bei diversen baulichen Maßnahmen tauchen immer wieder klimarelevante Fragestellungen auf, die wir dann mit dem Klimaschutzmanager besprechen. Dabei spielen etwa Fragen nach Fördermöglichkeiten eine ganz wesentliche Rolle.

Sie haben gerade die Initiative „Energieberatung im Quartier“ gestartet. Welche Rolle spielt das Quartier bei der Erreichung Ihrer Klimaschutzziele bis 2030 innerhalb der Verbandsgemeinde?

Hickel: Das Thema spielt eine Schlüsselrolle, auch wenn „Quartier“ natürlich ein weit gefasster Begriff ist. Wir beziehen uns nach Möglichkeit immer auf die gesamte Verbandsgemeinde inklusive Stadt und Ortsgemeinden. Es hat sich aber aus dem Klimaschutzkonzept heraus ergeben, dass rund 98 Prozent des Energieverbrauchs und damit der CO2 Emissionen im privaten Bereich, im Verkehrssektor und in der Industrie liegen. Es ist daher entscheidend, die privaten Haushalte, aber auch die Unternehmen mit ins Boot zu nehmen. Genau diesen Ansatz verfolgt die Initiative „Energieberatung im Quartier“. 34 Prozent der CO2 Emissionen und knapp 40 Prozent des Energieverbrauchs entfällt quasi auf die privaten Haushalte der Verbandsgemeinde und da wollen wir natürlich möglichst mit gutem Beispiel vorangehen, was Verbräuche und Emissionen angeht.  

Sie peilen eine Energieeinsparung von mindestens sechs Prozent in kommunalen Gebäuden an. Ist das angesichts des damit verbundenen Aufwands zur Umsetzung nicht ein sehr bescheidenes Ziel?

Hickel: Es mag zunächst bescheiden klingen. Man muss aber auch realistisch bleiben im Hinblick darauf, was möglich ist im Gebäudebestand. Natürlich hätten wir auch sagen können, wir sparen 60 Prozent und nicht 6 Prozent ein, aber dann hätten wir uns in utopischen Bereichen bewegen müssen. Wir sind natürlich nach oben hin offen, denken Sie an unser neues Erdwärmeprojekt, bei dem wir im nächsten Jahr etwa 300.000 kWh Stunden Erdgas einsparen können. Das ist ein Vielfaches der 6 Prozent, die wir uns als Ziel gesetzt haben. Am Ende muss sich immer die Frage stellen: Was ist politisch wie finanziell realisierbar?

Wo sehen Sie die mittelfristigen Schwerpunkte Ihrer Arbeit in Sachen Klimaschutz?

Hilgert: Wir wollen die eigenen Liegenschaften nach Möglichkeit energetisch optimieren, wir wollen aber auch noch stärker auf die Schulen und die Bürger zugehen in Form eines runden Tisches. Wenn von Seiten der Bürger Interesse besteht, bestimmte Themen vertiefend zu erörtern, etwa die Bildung von Energiegenossenschaften oder Fragen zu Quartierskonzepten, dann können wir mit dem runden Tisch eine Plattform bieten, wo sich Interessenten und Experten treffen und Informationen austauschen.

Das  Vorhaben der Umstellung der Heizung im Rathaus auf geothermales Grubenwasser gilt als Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz. Lassen sich die Erfahrungen aus diesem Vorhaben auch auf andere Kommunen übertragen?

Hickel: Unser Erdwärmeprojekt ist in der Tat einzigartig in Rheinland-Pfalz. Wenn alles glatt läuft, können wir bereits ab Oktober 2017 das Rathaus zu 95 Prozent aus regenerativen Quellen beheizen. Dazu nutzen wir 26 Grad warmes Grubenwasser aus rund 250 Meter entfernt liegenden Bergbaustollen. Die Wärme wird über ein Wärmetauschersystem und eine Wärmepumpe ins Rathaus gebracht. Dabei sparen wir rund 50 Tonnen CO2 pro Jahr. Das Projekt wird gefördert durch das Umweltministerium Rheinland-Pfalz und wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Ziel ist es, die Übertragbarkeit auf andere Standorte in Rheinland-Pfalz zu überprüfen.

Vielen Dank für das Gespräch. (Interviewfragen: Markus Frey)

Kontakt:

Nico Hickel | Klimaschutzmanager
Bleichstraße 1
56130 Bad Ems
Tel.: 02603 / 793-162
Email: Opens window for sending emailn.hickel(at)bad-ems(dot)de | klima(at)bad-ems(dot)de

Klimaschutz in Bad Ems


Nico Hickel, Klimaschutzmanager (oben) sowie Lars Hilgert, Gebäudemanager der Verbandsgemeinde Bad Ems (unten), Fotos: privat bzw. Energieagentur Rheinland-Pfalz/Sonja Schwarz