Im Interview: Kommunen können vom Energiespar-Contracting profitieren

Symbolbild Contracting

In vielen kommunalen Liegenschaften kann der Energiebedarf bzw. Energieverbrauch durch Effizienzmaßnahmen deutlich gesenkt werden. Doch oft ist die Finanzlage in den Kommunen angespannt oder es gibt kommunalrechtliche Beschränkungen. Daher werden diese Maßnahmen häufig nicht oder verzögert durchgeführt. Damit Kommunen dennoch Effizienzpotenziale in ihren Liegenschaften umsetzen können, können sie auf alternative Finanzierungsmöglichkeiten wie z. B. das Energiespar-Contracting * zurückgreifen.

Wir haben über das Energiespar-Contracting (ESC) mit Herrn David Flüthmann von der PD – Berater der öffentlichen Hand GmbH gesprochen. Die Firma ist ein Beratungsunternehmen, das zu 100 Prozent in der Hand öffentlicher Gesellschafter liegt und unter anderem im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen (BMF)  Kommunen berät.

Warum können Kommunen vom ESC profitieren?

Die Kommune profitiert von reduzierten Energieverbrauchskosten – je nach Projekt ggf. direkt mit Vertragsbeginn. Außerdem muss sie die Investitionskosten für eine energetische Sanierung nicht selbst aufbringen. Durch die Investition des Contractors ist kein Eigenkapital notwendig. Das Risiko für die Kommune wird durch die vom Contractor getätigte Investition und garantierte Einsparung minimiert. Zudem hat der Contractor Fachwissen, Kompetenz und Erfahrung. Die Kommune profitiert deshalb von technisch und wirtschaftlich interessanten Lösungen, die den neuesten Stand der Technik abbilden. Die Übernahme des Anlagenmanagements durch den Contractor inklusive regelmäßiger Wartung führt zu einer weiteren Entlastung der Kommune. Der Einsatz effizienter und hochwertiger Technik sorgt für eine hohe Anlagenverfügbarkeit. Darüber hinaus werden nicht nur Kosten reduziert, sondern es wird auch ein wichtiger Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele geleistet.

Was kostet ein ESC?

Zunächst muss ein Ingenieurbüro beauftragt werden, das die Effizienzpotentiale des Gebäudes bzw. der Gebäude identifiziert. Hierfür entstehen Kosten. Nach der Ausschreibung und Beauftragung eines Contractors setzt dieser Einsparmaßnahmen um. Dann muss die Kommune an den Contractor eine Rate zahlen zur Refinanzierung der Investition. Die Kosten für die Kommune liegen dabei nicht höher als die bisherigen Energiekosten der jeweiligen Liegenschaft. Bleibt die Einsparung aus, entsteht der Kommune als Auftraggeber auch keine weitere Zahlungsverpflichtung.

Würden Sie auch kleinen Kommunen das ESC empfehlen?

Maßgeblicher als die Größe der Kommune ist die Höhe der Energiekosten und möglicher Einsparpotentiale. Betrachtet selbst eine kleine Kommune die kommunalen Liegenschaften und Gebäude insgesamt, können Energiekosten und Einsparpotentiale durchaus ein relevantes Volumen für ein Energiespar-Contracting ergeben. Das Volumen ist jedoch nur ein Aspekt bei der Einschätzung, ob ein Projektansatz für ESC geeignet und marktgängig ist. Uneingeschränkt empfehlen würde ich Kommunen in jedem Fall eine Orientierung am „funktionalen Kern“ des ESC-Ansatzes. Damit ist gemeint, dass Kommunen in jedem Fall über möglichst lückenlose und belastbare Energie- und Bestandsdaten zu ihren Immobilien verfügen sollten. Auf dieser Grundlage können sie selbst sinnvolle Investitionsmaßnamen und damit einhergehende Einsparpotentiale und Amortisationsdauern ableiten. Die durch zukünftige Investitionen eingesparten Energiekosten sind wiederum die Begründung für die Wirtschaftlichkeit der Investition – insbesondere bei kurzen Amortisationszeiträumen.

Wie riskant ist ESC für Kommunen?

Wir verstehen Contracting als langfristige Partnerschaft zwischen der öffentlichen Hand und dem jeweiligen Contractor. Aus diesem Grund spielt das gegenseitige Vertrauen eine wichtige Rolle. Sich langfristig zu binden wird oft als risikoreich empfunden. In der Tat setzt es eine gewisse Gründlichkeit bei der Suche nach einem geeigneten Partner voraus. Daher sollte eine Kommune sorgfältig bei der Energie- und Bestandsdatenaufnahme und der Ausschreibungsvorbereitung und -durchführung sein und über gute Fachkompetenzen und Erfahrungswerte verfügen bzw. diese hinzuziehen. Wird die Partnerschaft sorgfältig und gewissenhaft auf öffentlicher Seite vorbereitet, wird der Contractor für die solide Grundlage dankbar sein. Letztlich werden so aus vermuteten ESC-Risiken vielmehr Chancen, da die gesamte Partnerschaft von vornherein als eine Investition zum gegenseitigen Vorteil angelegt ist.

Wie zeitaufwendig ist ESC?

Das hängt stark von der Komplexität des Projektgegenstandes und den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. Es hilft, wenn die Kommune bereits über eine umfassende und belastbare Energie- und Bestandsdatenbasis verfügt und es sich um ein konkretes, von anderen störenden Aspekten unbelastetes Gebäude handelt. Dann können zeitnah sinnvolle Maßnahmen abgeleitet und Ausschreibungsunterlagen erstellt werden sowie der Verfahrensstart erfolgen. In diesem Fall könnte ein Contractor bereits nach sechs Monaten beauftragt sein. Wird hingegen ein kommunales Portfolio von Immobilien betrachtet und müssen die wesentlichen Energie- und Bestandsdaten erst erfasst werden, wird es entsprechend aufwändiger.

Welche Stolpersteine gibt es und worauf muss man achten?

Für die meisten Kommunen hat ein ESC-Projekt Pilotcharakter. Daher muss sich eine Kommune, die diesen Beschaffungsweg verfolgen will, entsprechend personell aufstellen, unabhängig von externer Unterstützung, die möglicherweise eingebunden wird. Die seitens der Kommune eingesetzten Projektverantwortlichen sollten die Arbeit aus Überzeugung machen und motiviert sein, sich neues Wissen anzueignen, denn es werden sich zahlreiche inhaltliche und organisatorische Projektfragen stellen, die es zu klären gilt. Die kommunalen Entscheider sollten dem Projekt zudem eine Priorität einräumen, es mit den erforderlichen Ressourcen ausstatten sowie deutlich (intern und extern) den Umsetzungswillen zum Ausdruck bringen.

Wenn eine Kommune ausreichend Liquidität hat, um die Maßnahmen doch selbst umzusetzen, ist dies dann für sie nicht günstiger als ESC?

Grundsätzlich ist es sogar wünschenswert, dass ausreichend liquide Kommunen diese Mittel einsetzten, um die Energieeinsparpotentiale in ihren Immobilien zu realisieren. Die Realität zeigt jedoch, dass dies selten so ist. Die Ursachen hierfür sind ganz alltäglich. Energieeffizienz ist zwar politisch gewollt, hat aber gegenüber den originären Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge im Zweifel das Nachsehen. Die personelle und finanzielle Ausstattung von Kommunen zwingt sie in der Regel zu einem stark priorisierten Vorgehen. Diese „zusätzlichen“ Aufgaben werden dann häufig ausgelagert.

 

Im Rahmen des Projektes „100 Energieeffizienz-Kommunen in Rheinland-Pfalz“ unterstützt die Energieagentur Rheinland-Pfalz Kommunen in vier regionalen Netzwerken dabei, einen Energie- und Klimaschutzmanagementprozess zu etablieren. Dieser beinhaltet u. a. auch die Erfassung von Energie- und Bestandsdaten.

Zudem werden im Rahmen des Projektes gemeinsam mit Pilotkommunen Erfahrungen zu alternativen Finanzierungsmodellen gesammelt. Die Energieagentur Rheinland-Pfalz begleitet die ausgewählten Piloten: von der Vernetzung zwischen kommunalen und finanzierenden Akteuren über die Auswahl der Gebäude bis zum Monitoring. Dabei wird auch das Wissen erfahrener Akteure aus anderen Bundesländern genutzt. Die gesammelten Erfahrungen werden später an andere Kommunen weiter gegeben.

 

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Beim Energiespar-Contracting erbringt ein spezialisierter Dienstleister (Contractor) energierelevante Leistungen mit dem Ziel, den Energiebedarf bzw. Energieverbrauch des Gebäudes zu senken. Er entwickelt individuell auf das Gebäude zugeschnittene technische, bauliche und organisatorische Maßnahmen, die zu einer Einsparung beim Energieverbrauch führen. Dabei werden insbesondere Sanierungsmaßnahmen durch den Contractor geplant, umgesetzt, betrieben, kontinuierlich optimiert und finanziert. Für seine Dienstleistungen und die getätigten Investitionen erhält er einen Teil der Einsparungen und refinanziert so seinen Aufwand. Der andere Teil der Einsparungen bleibt dem Gebäudeeigentümer als Gewinn.


Weitere Informationen:

Energiespar-Contracting

Kommunales Energiemanagement