Im Interview: Sanierung der Kläranlagen spart CO2 und Geld ein

Kläranlage Almerich

Die Kläranlage Almerich in Idar-Oberstein soll energetisch saniert werden. Der CO₂-Ausstoß kann damit um 75 Prozent reduziert werden. (Bild: Stadtverwaltung Idar-Oberstein)

Die Stadt Idar-Oberstein will die Energieeffizienz im Bestand der städtischen Immobilien steigern und darüber hinaus den Einsatz von erneuerbaren Energien erhöhen. Viele Projekte zur Energieeinsparung wurden  bereits angegangen. Nun will die Stadt ihre Kläranlage umfassend sanieren, auch dank günstiger Förderkonditionen.

Wir haben dazu mit Friedrich Marx, Bürgermeister der Stadt Idar-Oberstein, gesprochen.
 

Herr Marx, Sie planen die Abwasseranlagen der Stadt in den nächsten Jahren zu sanieren. Warum haben Sie sich zu diesem Schritt entschieden?

„Wir klären das für die Zukunft“ – Das ist das Leitmotto unserer Stadtwerke. Damit wollen wir die ständig wachsenden Anforderungen an die Abwasserreinigung erfüllen. Wir wollen uns aber auch für eine gesicherte Entsorgung und einen wirtschaftlichen Betrieb  im Sinne unserer Kunden gut aufstellen. Die wesentlichen Themen für uns sind daher die Energieeffizienz, die Energieerzeugung, die Sicherheit bei der Klärschlammentsorgung und die Reduktion von Wasserinhaltstoffen im Gewässer.

Noch im Jahr 2007 waren die Kläranlagen mit 2,2 Mio. kWh Stromverbrauch jährlich die stärksten Energieverbraucher in unserer Stadt. Wir haben hier ein großes Potential zur Energieeinsparung gesehen. In der Zeit von 2008 bis 2012 haben wir verschiedene Verbesserungsmaßnahmen durchgeführt, so dass wir den jährlichen Stromverbrauch fast halbieren konnten. Nun wollen wir den Energieverbrauch für den Anlagenbetrieb weiter optimieren und gleichzeitig den steigenden Ansprüchen der Abwasserreinigung gerecht werden. In den Jahren 2017/2018 haben wir daher eine Energieanalyse sowie eine Machbarkeitsstudie zur Umstellung der Kläranlage Almerich auf Faulbetrieb durchführen lassen.

Insbesondere die Umstellung auf Faulbetrieb, gekoppelt mit der Zentralisierung aller Klärschlämme auf der Kläranlage Almerich, ist für uns auch wirtschaftlich sehr sinnvoll. Zum einen können wir damit eine fast 100 prozentige Eigenstromversorgung erreichen und den Klärschlamm um fast 30 Prozent reduzieren. Der Strombedarf der Kläranlage liegt bei etwa 1 Mio. kWh pro Jahr. Wenn wir durch die Eigenerzeugung den Strombedarf dann selbst fast vollständig decken können, sparen wir Kosten in Höhe von ca. 190.000 Euro pro Jahr, die durch Fremdbezug entstehen.

Diese Maßnahmen haben nicht nur wirtschaftliche Vorteile, auch die Umwelt profitiert enorm davon. Wir können damit den CO₂-Ausstoß um 75 Prozent reduzieren. Während 2007 durch die Kläranlagen noch 1.200 Tonnen CO₂ produziert wurden, wollen wir den Ausstoß auf ca. 300 Tonnen minimieren.
 

Sie werden bei der Kläranlage das Verwertungsverfahren komplett auf Faulbetrieb umstellen. Weshalb ist dies notwendig?

Seit den 90er Jahren wird  darüber diskutiert, dass die landwirtschaftliche Verwertung, also die Ausbringung des Klärschlamms auf die Felder, verboten werden soll. Diesem drohenden Verbot sind wir mittlerweile sehr nahe gekommen: die Düngemittel- und Klärschlammverordnung wurde verschärft und es darf nur noch sehr wenig Klärschlamm auf die Felder ausgebracht werden. Es wird erwartet, dass dies künftig ganz verboten wird. Aus diesem Grund haben sich die Stadtwerke auch der 2018 neugegründeten Kommunalen Klärschlammentsorgung AÖR angeschlossen. Damit wollen wir uns neue Wege für die Entsorgung des Klärschlamms schaffen und uns für die Zukunft absichern.
 

Weshalb ist gerade jetzt aus Ihrer Sicht ein günstiger Zeitpunkt für dieses Vorhaben?

Der Bund und das Land Rheinland-Pfalz sehen den Handlungsbedarf für die zukünftige Abwasserreinigung und bieten sehr attraktive Förderprogramme an. Seit Januar 2019 wird es erstmals möglich sein, für die einzelnen Maßnahmen parallele Förderungen zu erhalten. Unser nächstes Ziel ist es, einen strukturierten Förderfahrplan zu entwickeln. Bei der Beantragung der Fördermittel und der Abwicklung erhalten wir Unterstützung von der Energieagentur Rheinland-Pfalz und vom Umweltministerium.
 

Die Stadt Idar-Oberstein ist sehr um den Klimaschutz bemüht. Welche weiteren Projekte wurden bereits umgesetzt?

Die Stadtwerke haben das Hallenbad von Juli 2015 bis September 2016 komplett modernisiert und energetisch auf den neuesten Stand gebracht. Der Einbau von LED-Beleuchtung und die Umrüstung der Lüftungsanlage wurden im Rahmen der Klimaschutzinitiative des Bundes gefördert. Wärmeseitig wird das Hallenbad ebenso wie weitere Gebäude in der Umgebung über eine eigens dafür errichtete Nahwärmeleitung aus einem Blockheizkraftwerk versorgt.

Seit dem Jahr 2012 nimmt die Stadtverwaltung an der Klimaschutzinitiative des Bundes teil. Damals wurde ein Klimaschutzteilkonzept für 30 stadteigene Gebäude erstellt. Auf Grundlage des Konzeptes konnte eine Klimaschutzmanagerin eingestellt werden. Diese setzt sukzessive die Maßnahmen aus dem Klimaschutzteilkonzept um und schreibt den Maßnahmenkatalog um weitere Projekte fort. Bei der Fortschreibung handelt es sich vor allem um Klimaschutzmaßnahmen außerhalb des Gebäudebereiches.

Die Stadenhalle, eine Sporthalle, wurde auch energetisch saniert: ein Teil des Daches wurde gedämmt und die abgehängten Decken sowie die Außenfenster und –türen wurden erneuert. Die Heizungsanlage wurde durch eine erdgasbefeuerte Kaskadenheizungsanlage ersetzt und die Warmwasserbereitung auf eine Frischwasserstation umgestellt. Das Lüftungssystem wurde auf eine neue Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und die Beleuchtung auf LED umgestellt. Dadurch werden jährlich zwischen 13–20 Tonnen CO₂ eingespart. Die Investitionskosten liegen bei 805.000  Euro, wobei 90% der Kosten gefördert werden.

In den Sommerferien 2018 wurden auf den Dächern der Grundschule Oberstein zwei Photovoltaik-(PV)-Anlagen installiert: Eine stadteigene Anlage, die Strom für den Eigenbedarf der Schule produziert, und eine Anlage, die den produzierten Strom ins öffentliche Netz einspeist.

Mit den Anlagen werden bilanziell ca. 74 Tonnen CO₂ im Jahr eingespart. Derzeit planen wir den Bau einer eigenen PV-Anlage für die Grundschule Göttschied. Weitere Anlagen sind vorgesehen.

Im Moment probieren wir die Elektromobilität aus. Mit Hilfe von Mitteln aus Sponsoring haben jeweils die Stadtwerke und die Stadtverwaltung ein Elektroauto für den Fuhrpark angeschafft. Außerdem wurden im Stadtgebiet fünf Ladesäulen errichtet.
 

Hat die Stadt Idar-Oberstein noch weitere Klimaschutz-Projekte in der Planung?

In den städtischen Gebäuden sind von rund 50 Heizkesselanlagen derzeit achtzehn heizölbefeuert. Diese wollen wir nach und nach auf nachhaltigere Wärmeerzeuger umstellen. An der Grundschule Göttschied wollen wir ein Mini-Nahwärmenetz errichten und die beiden alten Heizungsanlagen durch eine zentrale Anlage austauschen, die mit Holzpellets (70%) und Erdgas (30%) befeuert wird. Finanziell unterstützt wird das Bauvorhaben durch Fördermittel aus der Klimaschutzinitiative des Bundes und des Programms „Zukunftsfähige Energiesysteme“ des Landes Rheinland-Pfalz.

Außerdem wollen wir in einem großen Teil der städtischen Gebäude die alte Beleuchtung durch moderne hocheffiziente LED austauschen, die in Abhängigkeit von Tageslicht und Raumnutzung gesteuert werden kann. Auch dieses Projekt wird gefördert. Wir können dadurch ca. 43 Tonnen CO₂ jährlich einsparen.

Über die Photovoltaikproduktion auf stadteigenen Dächern hinaus treiben wir derzeit die Freiflächenverpachtung zum Zwecke der Solarstromproduktion voran.  Der ortsansässige Energieversorger will eine Freiflächenanlage errichten und betreiben.

Darüber hinaus tauschen wir uns im Netzwerk „IkoNE“ mit anderen Städten zu Fragen der Energieeffizienz und wie Effizienzpotenziale identifiziert und genutzt werden kann, aus. 

Weil uns der Klimaschutz ein wichtiges Anliegen ist, wird gerade ein integriertes Klimaschutzkonzept für unsere Stadt erstellt. Daran wird auch die Öffentlichkeit beteiligt.

Außerdem wurde eine Strategiegruppe innerhalb der Verwaltung gebildet, die einen realistischen und zielorientierten Masterplan für die Stadt Idar-Oberstein aufgestellt hat. Das Ergebnis ist der Masterplan „Vision 2030 – Idar-Oberstein, der Edelstein der Nationalparkregion“. Im Oktober 2018 wurde dazu eine Konzepterstellung öffentlich ausgeschrieben. Am Dienstag, den 9. April, findet ab 18:30 Uhr in der Göttenbachaula die erste öffentliche Veranstaltung statt, an der sich jede*r Interessierte einbringen kann.


Weitere Informationen:

Energieeffiziente Kläranlagen

Seite „Klimaschutz Idar-Oberstein“

Portrait: Klimaschutz in Idar-Oberstein

Klimaschutzteilkonzept der Stadt Idar-Oberstein

Kommunales Leitbild der VG Idar-Oberstein

Masterplan “Vision 2030”