Ein Elektromobilist der ersten Stunde

Der E-Fuhrpark der Waldorf GmbH kann sich sehen lassen. V.l.n.r.: Jesko Waldorf, Janik Waldorf, Hermann Waldorf und Hausmeister & Lagerist Matthias Nachtigäller.

Interview mit dem Kreishandwerksmeister Hermann Waldorf aus Hillesheim

Kreishandwerksmeister Hermann Waldorf aus Hillesheim erklärt im Interview, warum er schon relativ früh auf E-Mobilität setzte und welche Erfahrungen er in den ersten zehn Jahren damit gemacht hat. Außerdem schildert Waldorf seine Pläne für eine nachhaltige Unternehmenszukunft. Das Interview führte Dr. Dominik Böckling von der Lotsenstelle für Alternative Antriebe der Energieagentur Rheinland-Pfalz.

Interviewer: Herr Waldorf, wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Thema „Elektromobilität“ in Berührung gekommen?

Hermann Waldorf: Als wir im Jahr 2010 eine Photovoltaik-Anlage auf unserem Firmendach installierten, war das ein Anlass, mich intensiver mit E-Mobilität zu beschäftigen. Interessiert hatte ich mich bereits vorher für das Thema. Denn ich fand von Anfang an die Idee faszinierend, mit eigens produziertem Solarstrom Autos „betanken“ zu können. Das ist eine tolle Möglichkeit, auf nachhaltigem Weg autark zu werden. Vor allem wenn man bedenkt, wie viel Geld wir hierzulande jedes Jahr für Öl ausgeben und dass wir damit in einigen erdölfördernden Ländern teils sehr fragwürdige Dinge mitfinanzieren. Allerdings war vor 2010 die Auswahl an tauglichen E-Fahrzeugen ziemlich begrenzt. Doch dann sah ich eine Reportage über den Nissan Leaf im Fernsehen und dachte mir: ‚Das ist ein vernünftiges Auto mit akzeptabler Reichweite!‘ In Deutschland war er aber noch nicht verfügbar, sodass wir ihn 2011 in den Niederlanden gekauft haben. Dort war das Thema Elektromobilität schon etwas weiter vorangeschritten als hierzulande.

Interviewer: Und wie waren Ihre Erfahrungen mit Ihrem ersten E-Auto?

Hermann Waldorf: Rückblickend betrachtet würde ich sagen, dass bereits damals die positiven Erfahrungen überwogen haben. Die Reichweite zum Beispiel hat nie ein Problem dargestellt: Im Sommer waren 150 bis 160 Kilometer machbar, im Winter etwa 100. Für unsere Zwecke im Unternehmen ist das ausreichend. Ein Problem war jedoch das Aufladen: Es gab noch keine Schnelllader und die AC-Ladeleistung von lediglich 3,7 kW hat zu relativ langen Ladezeiten geführt. Dieses Problem haben wir dann 2013 mit der Anschaffung eines Renault Zoé gelöst, der mit 22kW aufgeladen werden konnte. Was mich übrigens direkt überzeugt hat, ist der Kostenvorteil der E-Mobilität.

Interviewer: Trotz des höheren Anschaffungspreises?

Hermann Waldorf: Natürlich waren die 31.000 € Anschaffungskosten für den Nissan Leaf 2011 im Vergleich mit einem Diesel oder Benziner höher, aber: Wenn bei einer Jahreslaufleistung von etwa 30.000 Kilometern kaum Reparaturkosten anfallen, das Fahrzeug steuerfrei ist und es obendrein einen relativ hohen Wiederverkaufswert besitzt, ist das meines Erachtens in der Langzeitbetrachtung die beste Variante – vom Nachhaltigkeitsaspekt ganz zu schweigen. Wir haben von der ersten Stunde an den Leaf über eine Wallbox mit eigenem Strom von unserer PV-Anlage aufgeladen. Darüber hinaus führen die selteneren Wartungen zu geringeren Ausfallzeiten der Fahrzeuge, was ja letztlich für mich als Unternehmer auch ein Kostenvorteil ist.

Interviewer: Wie haben denn Ihre Mitarbeiter auf das erste Elektroauto im Unternehmen reagiert?

Hermann Waldorf: Zunächst hat bei ihnen ganz klar die Skepsis überwogen. Die häufigsten kritischen Fragen und Anmerkungen haben sich auf die Batterie bezogen: „Wie lange braucht der Akku bis er wieder voll aufgeladen ist?“, „Das mit der Reichweite funktioniert doch nie im Leben“, „Hält die Batterie das häufige Laden  überhaupt aus?“, „Wenn der Akku kaputt ist, kannst du doch das komplette Auto wegwerfen“ und so weiter. Abgesehen davon, dass wir bis heute selbst nie technische Probleme mit den Batterien hatten und ich auch keinen E-Autofahrer kenne, der damit zu kämpfen hat, sind diese Stimmen inzwischen verstummt. Denn die Mitarbeiter haben nun schon ihre eigenen Erfahrungen mit E-Mobilität gesammelt und stellen dabei fest, dass an vielen Kritikpunkten in der Realität einfach nichts dran ist.

Interviewer: Auch nicht an der Reichweitenproblematik?

Hermann Waldorf: Nein. Meine Einschätzung ist, dass die Angst vor zu knapp bemessener Reichweite durch die Entwicklung leistungsfähigerer Batterien stark zurückgegangen ist. Außerdem besitzen wir seit 2018 noch einen BMW i3 mit Range Extender. Das ist eine gute Lösung für Fahrer mit Reichweitenangst, wobei in der Praxis der Zusatz-Motor so gut wie nie zum Einsatz kommt. Das Ganze ist also eher ein psychologischer Vorteil.

Interviewer: Aus welchen Fahrzeugen besteht Ihr E-Fuhrpark zurzeit?

Hermann Waldorf: Neben den zwei E-Gabelstaplern, die schon seit zehn Jahren zuverlässig in Betrieb sind und ebenfalls mit Strom von der PV-Anlage aufgeladen werden, haben wir momentan folgende Pkw: Den bereits erwähnten BMW i3 rex, einen Renault Zoé, drei Tesla Model 3 und einen Toyota Prius Hybrid, der trotz über 350.000 Kilometern Laufleistung mit der ersten Batterie immer noch nicht den Geist aufgegeben hat. Zwei unserer Mitarbeiter fahren auch privat ein Elektroauto. Und bald werden noch zwei e-Golf als Firmenwagen hinzukommen. Denn insbesondere Elektro-Firmenautos sind aus meiner Sicht ein gutes Mittel, um Mitarbeiter zu binden bzw. zu gewinnen.

Interviewer: Inwiefern?

Hermann Waldorf: Unsere Fachkräfte sind zu etwa 80 Prozent Pendler und hier im ländlichen Raum auf ein Auto angewiesen. Ihnen einen Firmenwagen zur Verfügung zu stellen, ist dementsprechend ein großer Anreiz, da sie dann häufig auf den privaten Zweitwagen verzichten können. E-Autos waren diesbezüglich als Lösung lange Zeit recht teuer, aber das hat sich geändert. Denn E-Firmenwagen besitzen im Hinblick auf die Dienstwagenbesteuerung nun einen großen Vorteil gegenüber Verbrennern: Statt mit einem Prozent wird die private Nutzung ab 2020 nur noch pauschal mit 0,25 Prozent des Bruttolistenpreises besteuert. Da die Leasing-Angebote inzwischen sehr lukrativ sind, lohnt sich die Anschaffung auch für mich als Unternehmer. Zudem ist es selbstverständlich, dass unsere Mitarbeiter ihre Elektroautos auf unserem Firmengelände kostenfrei aufladen können. Und für Auszubildende möchten wir perspektivisch auch noch eine attraktive Lösung mit E-Mobilität schaffen.

Interviewer: Wie soll diese Lösung für Azubis konkret aussehen?

Hermann Waldorf: Es gibt bereits einige Unternehmen, die ein Azubi-E-Mobil anbieten. Es handelt sich dabei meist um einen E-Kleinwagen, den Auszubildende von ihrem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt bekommen. Das wäre hier in der Eifel ein tolles Angebot für unsere Lehrlinge, denn selbst wenn ein Azubi direkt aus Hillesheim kommt und theoretisch zu Fuß zur Arbeit gehen könnte, muss er immer noch ein bis zwei Mal pro Woche rund 50 Kilometer nach Bitburg in die Berufsschule fahren. Und das ist ohne Auto ein echtes Problem, wie ich in Vorstellungsgesprächen immer wieder erfahre. Deshalb besteht hier ganz klar Handlungsbedarf und der sollte nachhaltig mit E-Mobilität angegangen werden.

Interviewer: Haben Sie ansonsten noch weitere Zukunftspläne im Hinblick auf Elektromobilität?

Hermann Waldorf: Ja. Ich würde gerne in nächster Zeit einen E-Transporter anschaffen. Dieser sollte 200 Kilometer Reichweite und einen CCS-Stecker für schnelles Laden mit 100 kW besitzen, damit wir uns endlich von unseren Dieseltransportern verabschieden können. Leider ist das Angebot an Elektro-Nutzfahrzeugen momentan noch recht überschaubar, aber ich bin zuversichtlich, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird.  Da ich Elektromobilität als einen Baustein im Rahmen der gesamten Energiewende ansehe, denke ich, dass es auch lohnenswert ist, sich mit investiven Maßnahmen zu beschäftigen, welche die drei Sektoren Strom, Wärme und Mobilität intelligent miteinander verknüpfen. Dazu zählt beispielsweise der Einsatz von Speichertechnologie für unsere PV-Anlage, damit wir auch 24 Stunden am Tag in der Lage sind, den eigenen Solarstrom für alle Zwecke sinnvoll zu nutzen. Schließlich kommt an einem schönen Sommertag PV-Strom für umgerechnet 2.500 Kilometer Fahrleistung von unseren Dächern!

Energieagentur: Was würden Sie abschließend Unternehmen mit auf den Weg geben wollen, die sich erstmals mit dem Thema E-Mobilität beschäftigen?

Hermann Waldorf: Ich bin der Ansicht, dass man sich als Unternehmer, der Elektrofahrzeuge für die eigene Firma anschaffen möchte, auf keinen Fall von einem „Markenfetisch“ leiten lassen sollte. Das heißt: Sich nicht vorab auf einen bestimmten Hersteller festlegen, sondern lieber erst einmal ein eigenes Nutzerprofil erstellen, bei dem folgende Punkte besonders wichtig sind: Wann brauche ich das Fahrzeug für welchen Zweck? Wie hoch ist die Jahresfahrleistung? Und möchte ich das E-Fahrzeug mit eigenem PV-Strom betanken? Ich habe für mich persönlich die Erfahrung gemacht, dass das einphasige Laden von E-Autos für unsere Zwecke einfach zu lange dauert – 11 kW Ladeleistung sollten es deshalb schon sein. Für die „Betankung“ mit der eigenen PV-Anlage kann es außerdem zweckmäßig sein, wenn ich die Ladeleistung, je nach Bedarf und verfügbarem Solarstrom, herunterregeln kann. Aber wie gesagt, es kommt auf das individuelle Nutzerprofil an – bei einer Pflegeeinrichtung beispielsweise kann einphasiges Laden mit relativ geringer Leistung sogar sinnvoll sein, wenn die Fahrzeuge überwiegend nachts geladen werden. Ansonsten würde beim gleichzeitigen Aufladen mehrerer Fahrzeuge das hauseigene Stromnetz schnell überstrapaziert werden. Und unabhängig vom Nutzerprofil kann ich nur empfehlen, sich frühzeitig mit dem Thema Elektromobilität zu beschäftigen, weil bald kein Weg mehr daran vorbeigehen wird.

Infos zum Unternehmen / zur Person:

Hermann Waldorf, Kreishandwerksmeister, ist Geschäftsführer der Waldorf GmbH (mittelständischer Handwerksbetrieb - Gründung 1989) in Hillesheim in der Eifel. Als Maler- und Trockenbaubetrieb umfasst das Leistungsspektrum seines Unternehmens hochwertige Innenraumgestaltung in gewerblichen und öffentlichen Räumen in den Bereichen Trockenbau, Akustik, Brandschutz und Licht sowie hochwertiges Oberflächenfinish. Die Weichen für eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge in der Zukunft sind gestellt. Janik Waldorf (Bachelor of Engineering INNENAUSBAU - duales Studium Fachhochschule Rosenheim) sowie Jesko Waldorf (Bachelor of Arts HANDWERKSMANAGEMENT - triales Studium Fachhochschule Mönchengladbach) sind bereits Teil der 33-köpfigen Mitarbeiterschaft.