Eigenstromerzeugung in Industrie und Gewerbe

Diskussionsrunde mit Staatssekretär Dr. Thomas Griese zur Eigenstromerzeugung in Industrie und Gewerbe in der Landesvertretung in Berlin.

Millionen von Menschen erzeugen mittlerweile ihre eigene Energie, eine wachsende Zahl von Unternehmen setzt bei der Energieversorgung auf Erneuerbare Energien und hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Diese Prosumer treiben die Energiewende aktiv voran, erhöhen die Flexibilität des Energiesystems und entlasten die Stromnetze. Aus diesem Grund stärkt die EU auch deren Rolle im Rahmen ihrer Energiegesetzgebung.

Das war die Kernbotschaft einer Diskussionsveranstaltung unter dem Thema „Eigenstromerzeugung in Industrie und Gewerbe – ein wichtiger Beitrag zu einer effizienten und kostengünstigen Energiewende“  zu der das rheinland-pfälzische Energieministerium am 18. März in die Landesvertretung Berlin eingeladen hatte. Staatssekretär Dr. Thomas Griese machte gleich zu Beginn deutlich, welch hohen Stellenwert die Eigenstromerzeugung sowohl bei privaten Erzeugern, aber auch in Industrie und Gewerbe besitzt: Landesweit lag der Anteil der KWK in 2014 in Bezug zur Stromerzeugung bei über 46% und in Bezug zum Stromverbrauch bei über 28% (Deutschland: ca. 17%).

Er wies darauf hin, dass der Klimawandel in diesem Jahr auch massive Folgen für die Wirtschaft gehabt habe. So hätte beispielsweise eine neue Anlage zur Herstellung von TDI (Toluoldiisocyanat) der BASF SE in Ludwigshafen mit einer Kapazität von 300.000 Tonnen (Investitionssumme über 1 Milliarde Euro) im Sommer mehrere Wochen stillgelegt werden müssen, da auf dem Rhein aufgrund des Niedrigwassers kein An- und Abtransport möglich war. Es sei ein positives Zeichen, dass die junge Generation sich aktiv für den Klimaschutz engagiere und die Politik somit unter Handlungszwang setze.

Dr. Thomas Griese forderte, die Ausbaupfade für Windenergie an Land und Solarenergie endlich an die deutschen Klimaziele anzupassen. Den Bundesländern müsse auch zukünftig eine regionale Steuerung ermöglicht werden, um die effiziente Energieerzeugung vor Ort weiterhin zu ermöglichen. Im Anschluss illustrierten drei Referenten wie effektiv Eigenstrommodelle bereits heute umgesetzt werden. 

Intelligente Systeme optimieren PV-Eigenerzeugung in Mietshäusern

Wolfgang Bühring, Landesvorsitzender des VKU Rheinland-Pfalz und Geschäftsführer der Stadtwerke Speyer, stellte das Projekt „Smart Community“ in Speyer vor, in dem mit japanischen Technologiepartnern erprobt wird, wie mit Hilfe selbstlernender Systeme die Eigenerzeugung durch Photovoltaik in Mietshäusern optimiert werden kann. So wird Mietern im Wohnungsbestand ermöglicht, an der Energiewende zu partizipieren und erhebliche Mengen an CO₂ einzusparen. Dies ermöglicht es wiederum der Stadt Speyer, ihre ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen: CO₂-Neutralität bei Strom bis 2030, bei Wärme bis 2040.

Nutzung von PV und Elektromobilität bei Aldi Süd

ALDI Süd hat die Nutzung der Sonnenkraft mit Photovoltaikanlagen als strategisches Ziel in seiner Klimaschutzpolitik niedergeschrieben. Dr. Martin Stenmans, Bereich Corporate Responsibility, ALDI SÜD Dienstleistungs-GmbH & Co. oHG (Mülheim a.d.R.) berichtete, dass 2018 ca. 133,6 Mio. kWh erzeugt wurden, wovon rund 78 % selbst genutzt werden konnten, unter anderem zur Versorgung von derzeit rund 100 Ladestationen für Elektroautos. Die erzeugte Strommenge entspricht dem Verbrauch von ca. 38.000 Haushalten pro Jahr. Es besteht weiteres Potenzial für den Bau von PV-Anlagen auf Dachflächen, was allerdings durch verschiedene Faktoren begrenzt wird. So behindern beispielsweise aufwendige Genehmigungs- und Meldepflichten eine schnelle und kostengünstige Umrüstung der Märkte.

Erdgas-KWK bei Boehringer Ingelheim Pharma

Martin Beck, Head of Environment, Health, Safety and Utilities, Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, berichtete von den Planungen, am Standort Ingelheim ein neues Kraftwerk auf der Basis von Erdgas-KWK zu errichten. Eine Versorgung auf Basis von erneuerbaren Energien sei zum einen technisch schwierig wie auch im konzerninternen Standortwettbewerb deutlich zu teuer. Er appellierte an die Politik, Restriktionen beim Einsatz von Power-to-Gas-Technologien abzubauen. Auf diesem Weg ließe sich über den Zwischenschritt der Methanisierung Erneuerbare Energien in „grünes Erdgas“ umwandeln, das in industriellen Prozessen vielfältig einsatzbar ist.

EU-Vorgaben sollen zügig in deutsches Recht umgesetzt werden

In der anschließenden Diskussion erläuterten Vertreter der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen sowie die Geschäftsführerin des Landesnetzwerkes Bürgerenergiegenossenschaften e.V. ihre Haltung zur Eigenstromerzeugung und unterstützten durchweg die zügige Umsetzung der EU-Vorgaben in deutsches Recht. Dazu gehört beispielsweise das Recht von Prosumern, regenerativen Strom vollständig befreut von allen Abgaben, Umlagen, Entgelten und Steuern unter bestimmten Voraussetzungen zu erzeugen und zu verbrauchen. Unterschiedliche Akzente gab es bei der Frage, ob auch mit Erdgas betriebene hocheffiziente KWK-Anlagen darunter fallen sollen. Auch die Rolle des Mieterstroms sollte gestärkt werden, dies sei auch eine Frage einer solidarischen Energiewende. Energiegenossenschaften wünschen sich zudem eine Ausweitung auf Wohnquartiere und eine Anhebung der Grenze auf deutlich über 30 kWp, bis zu der keine Abgaben und Umlagen erhoben werden und verwiesen auf die große Chancen bei der lokalen Wertschöpfung.

Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

In der Frage der Netzdienlichkeit von Eigenstromerzeugungsanlagen zeigten sich ebenfalls unterschiedliche Auffassungen. Einigkeit bestand darin, dass die Rahmenbedingungen für die Eigenerzeugung und damit verbundener Speicher verbessert werden müssten, sei es durch eine Reform der Netzentgelte, der Gebührenordnung oder die Einführung einer CO₂-Abgabe. Grünes Gas aus Windenergie werde eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Daher sei es erforderlich, dass die Bundesregierung endlich eine überzeugende Gas-Strategie vorlege, die auch Biogas und Bio-Erdgas mitumfasse.


Hier geht es zu den Vorträgen:
Dr. Martin Stenmans - Eigenstromerzeugung bei ALDI SÜD
Martin Beck - Eigenstromerzeugung bei Boehringer Ingelheim
Wolfgang Bühring - Mieterstrom und Eigenversorgung