Dr. Franz Alt: "Kommunalpolitiker sind entscheidend für die Energiewende"

Dr. Franz Alt war Keynote-Redner beim 6. Jahreskongress der Energieagentur in Frankenthal (© Energieagentur Rheinland-Pfalz)

Am Rande des 6. Jahreskongress interviewte die Energieagentur den Journalisten und Buchautor Dr. Franz Alt.

EARLP: Herr Dr. Alt, was muss nach Ihrer Meinung politisch passieren, damit die Energiewende in der Form vorankommt, wie wir uns alle das wünschen?
Dr. Franz Alt: Wie wir es wünschen und wie wir es dringend brauchen, wenn wir unseren Kindern einen schönen Planeten hinterlassen wollen. Die Bundesregierung muss beim Ausbau der Erneuerbaren Energien endlich aufhören zu bremsen. Die Bundesregierungen, muss man sagen, haben seit 2012 das Erneuerbare-Energien-Gesetz leider ausgebremst, sodass die Energiewende zu langsam vorangeht. Deshalb hat die Bundesregierung auch ihre eigenen Klimaschutzziele weit verfehlt. Das ist insofern schlimm - auch für die Wirtschaft schlimm - weil die deutsche Technik in der Welt immer noch einen Ruf wie Donnerhall hat. Also wenn ich in China bin, dann sehe ich deutsche Wind- und Solartechnik. Aber wenn man das im eigenen Land ausbremst, anstatt zu puschen, dann darf man sich nicht wundern, wenn man nicht vorankommt und wenn das Klima immer schlechter wird. Wir haben heute schon viele Klimaflüchtlinge. In Afrika sind 18 Mio. Menschen auf der Flucht aus klimatischen Gründen, weil sie es zuhause nicht mehr aushalten. Und die gehen natürlich zu denen, die das verursacht haben und das sind wir, die reichen Nationen. Wir, die wir viel mehr Energie verbrauchen als die Afrikaner. Also, wenn unsere Kinder eine Zukunft haben sollen, wenn wir wirklich wollen, dass weniger Klimaflüchtlinge in Zukunft zu uns kommen, dann müssen wir vorangehen und Gas geben beim Ausbau der Erneuerbaren Energien und bei der Elektromobilität. Anstatt, wie die Bundesregierung, diese Entwicklung auszubremsen. Die Leute sind viel weiter als die Regierenden. 90 Prozent der Deutschen sagen bei Umfragen: „Wir wollen rasch die Energiewende, wir wollen die Erneuerbaren Energien schneller ausgebaut haben als bisher.“ Aber die Bremser sitzen heute in Berlin, in der Regierung, leider.

EARLP: Was können Kommunen tun, um noch besser Energiewende und Klimaschutz einzuleiten und umzusetzen?
Dr. Franz Alt: Also auch wenn die Bundesregierung ausbremst – die Energiewende ist ja dezentral, d.h. sie ist auf die Regionen verteilt. Jeder Bürgermeister, jeder der Kommunalpolitiker, jeder Landrat kann ein Träger und Treiber der Energiewende sein, wenn er das wirklich, wirklich will. Es gibt in Deutschland heute schon Kommunen, da hat die Kommunalpolitik dafür gesorgt – trotz Bremser in Berlin – dass dort zu 100 Prozent Erneuerbare Energien eingesetzt werden. Ich kenne Gegenden, z. B. in Ostfriesland, da sagen mir die Bauern, dass sie drei Mal so viel Strom herstellen, wie in ihren Kommunen gebraucht wird. Aber dort haben die Kommunalpolitiker halt mitgeholfen, damit das möglich und die bürokratischen Hürden wenigstens vor Ort abgebaut wurden. Also Kommunalpolitiker sind entscheidend für die Energiewende.

EARLP: Wie können wir in Deutschland dazu beitragen, dass Energien oder Technologien, auch im Bereich der Erneuerbaren Energien, bei uns im Lande bleiben und weiterentwickelt werden - auch zum Wohle von anderen Staaten?
Dr. Franz Alt: Also, je mehr Menschen hier in Deutschland das selber machen, desto größer ist der Anreiz für andere, es zuhause nachzumachen. Aber wenn ein Industriestaat wie Deutschland, der über die modernste Technik verfügt, bei Windenergie, bei Bioenergie, bei Wasserkraft, bei Erdwärme, bei Solarenergie – wenn wir das hier in Deutschland nicht vormachen – dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn andere nicht mitmachen. Also je schneller wir sind, desto eher machen es andere nach. D.h. es gibt eine Riesenchance für die deutsche Wirtschaft. Wir gelten weltweit noch immer als Weltmeister in den Erneuerbaren Technologien. Ja dann nutzen wir doch diese Chancen, die wir haben. Wenn aber wir selber uns ausbremsen lassen von oben, von der Regierung, dann darf man sich nicht wundern, wenn die Chinesen sagen, dann machen wir das halt selber. Zum Beispiel sind in Deutschland in den letzten rund drei Jahren 50.000 Arbeitsplätze in der Solarenergie verschwunden. Diese Arbeitsplätze sind heute alle in China, weil die Chinesen die Chance ergriffen haben. Und dann wundern wir uns, dass die Chinesen ökonomisch in vielen Punkten heute schon weiter sind als wir. Das sind sie weitgehend mit deutscher Technik.
Nehmen wir einmal die Automobilsituation. Wenn ich heute in Zhanjiang bin, das ist eine Stadt im Süden von China mit 13 Mio. Einwohnern, dann höre ich von den dortigen Kommunalpolitikern, dass 16.000 Omnibusse in der Stadt fahren. Und wenn ich frage, welche Technik da eingesetzt wird, dann sagen die Kommunalpolitiker das sei natürlich Solarenergie. Die haben 16.000 Omnibusse und zwar 16.000 Elektrobusse, die mit Erneuerbaren Energien betrieben werden. Wenn ich in Deutschland einen Politiker frage, ob er in seiner Kommune schon Elektrobusse hat, sagt er mir, dass das noch dauere. Neulich hat mich die Oberbürgermeisterin von Bruchsal eingeladen eine Aktion zu eröffnen: mit 48 Elektroautos, als Car-Sharing. Da standen nur französische Autos, weil bis heute – im Jahr 2018 – noch keine deutsche Autofirma in der Lage ist, 48 Elektroautos nach Bruchsal zu liefern. Das ist doch eine Schande für die gesamte deutsche Automobilwirtschaft. Wir sind rückständig. In Kalifornien ist man weiter, in Korea ist man weiter, in Japan ist man weiter. Selbst in Indien fahren prozentual mehr Elektrofahrzeuge als in Deutschland.

EARLP: Was könnten die Automobilhersteller tun, um sich möglichst zügig weiterzuentwickeln?
Dr. Franz Alt: Also natürlich müssen sie sich so rasch wie möglich von Benzinern wegentwickeln und auf Elektroautos umstellen, was andernorts schon in viel stärkerem Maße stattfindet. Dann müssen natürlich auch die Autohersteller wissen, dass die Zukunft weniger dem Privatauto gehört und schon gar nicht dem Benzinauto, sondern mehr den öffentlichen Verkehrsmitteln. Also warum soll Daimler nicht Züge entwickeln oder U- und S-Bahnen? Sie werden Mobilitätskonzerne werden müssen, wenn sie Zukunft haben wollen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Daimler eines Tages schicke Elektrofahrräder entwickelt. Elektrofahrräder sind „in“ in Deutschland. Immer mehr Menschen steigen um aufs Fahrrad und wollen natürlich dann eine kleine Hilfe wie z. B. den Elektromotor dabei. Also ich sehe das in der eigenen Familie. Das Schönste am Elektrofahrrad ist für mich, wenn ich meine Töchter beim Fahrradfahren überhole – weil ich ein Elektrofahrrad habe und die Töchter noch herkömmliche Fahrräder haben. Wenn wir eine Tour machen im Schwarzwald, dann winke ich den Töchtern hinterher und sage Freundinnen und Freunden: „Schön, dass ihr hinter mir seid“ (lacht). Also Töchter überholen – das kann man sich mit einem Elektrofahrrad leicht machen. Es ist heute für viele Menschen richtig schick, auf Elektrofahrräder umzusteigen.

EARLP: Weshalb rüsten Unternehmenslenker der Automobilindustrie nur ganz zäh oder noch gar nicht in Richtung nachhaltige Mobilität um?
Dr. Franz Alt: Weil sie noch Erfolg haben mit dem alten Quatsch. Solange sie Benzinautos verkaufen, stellen sie auch Benzinautos her. D.h. wir müssen endlich als Autofahrerinnen und Autofahrer sehen, dass es an uns selber liegt. Wenn ein Autohersteller mir ein neues Auto verkaufen wollte - ich habe seit 10 Jahren kein eigenes Auto mehr - dann würde ich fragen: Freunde, wo ist ein gutes Elektroauto? Und wenn alle Kunden das machen, baut die Autoindustrie nur noch Elektroautos. Aber solange die Kunden nicht nachfragen und die alten Dreckschleudern fahren, darf man sich nicht wundern, wenn weiterhin mit Benzinern Geld verdient wird. Und solange die Autoindustrie damit Geld verdient, werden sie Diesel- und Benzinautos bauen. Also das ist nicht nur eine Frage an die Autohersteller in Deutschland, sondern immer auch eine Frage an die Autofahrerinnen und Autofahrer in Deutschland. Wir alle sind gefragt, wenn wir die 100-prozentige Energiewende wollen. Dass das technisch geht, ist völlig unstrittig heute.

EARLP: In Bezug auf Elektroautos gab es immer zwei Vorhaltungen von Seiten der Kritiker: Zum einen ist das die Reichweite – natürlich auch verbunden mit der Ladeinfrastruktur -  und zum anderen die bislang hohen Kosten für Elektroautos.
Dr. Franz Alt: Also das ist objektiv betrachtet ein Problem, aber nur ein zeitliches Problem, das gelöst wird. Wenn ich heute in China unterwegs bin, werde ich immer mit Elektroautos abgeholt. Die haben eine viel intensivere Ladestruktur als wir hier in Deutschland. Wenn die Chinesen das hinbekommen, sollte das doch auch in dem reichen Deutschland möglich sein. Es gibt Kommunen und Städte, beispielsweise Bamberg, in denen die Struktur vorhanden ist. Dort wurde ich mit dem Elektroauto am Bahnhof abgeholt, ins Hotel gebracht und dann zum Vortrag. Die haben in Bamberg 50 oder 60 Ladepunkte für Elektroautos. Neulich war bei einem meiner Vorträge ein Besucher aus Wien, der mit seinem Elektroauto gekommen war. Als ich ihn gefragt habe, wie viele Kilometer er bis Rostock gefahren sei, antwortete er, dass er für eine Strecke 1.500 Kilometer gefahren sei, also hin- und zurück insgesamt 3.000 Kilometer. Als ich ihn fragte, ob es auf dem Weg eine gute Ladestruktur gab, bejahrte er das. Er fährt mit seinem Elektroauto 400 Kilometer, dann lädt er es völlig kostenlos auf. Allein schon deshalb wird sich Solarstrom durchsetzen, weil er fast kostenlos verfügbar ist. Die Sonne stellt nämlich keine Rechnung. Der Österreicher hat gesagt, dass sie mit vier Personen gekommen seien ohne einen Cent für Sprit zu bezahlen. Es geht also, wenn man es wirklich will. Das hat der Amerikaner Tesla gezeigt. Eine Ladestruktur entlang der deutschen Autobahn müssten doch auch die deutschen Autobauer schaffen, irgendwann.

EARLP: Wie wichtig sind in Deutschland Institutionen wie Energieagenturen, beispielsweise die Energieagentur Rheinland-Pfalz, für den Klimaschutz und die Energiewende?
Dr. Franz Alt: Also ich bin sicher, dass wir ohne Energieagenturen heute noch keine 42 Prozent Ökostrom in Deutschland hätten. Also ihr, z. B. ihr in der Energieagentur Rheinland-Pfalz, in Baden Württemberg oder auch bundesweit, habt immerhin den Strombereich enorm nach vorne gebracht.
Wir waren im Jahr 2000 bei fünf Prozent Ökostrom, jetzt haben wir 42 Prozent. Wir können in 10 – 15 Jahren bei 100 Prozent sein, wenn wir das wirklich wollen. Ich hoffe und wünsche, dass die Energieagenturen mehr Druck machen auf die Politik. Ich weiß, dass ihr immer wieder mit Politikern redet, aber bislang ist die Politik relativ unbeeindruckt. Ihr müsst Druck machen auf die Politik. In Rheinland-Pfalz sind wir in der Tat in Sachen Klimaschutz und Energiewende etwas weiter. Wir haben hier immerhin 50 Prozent Ökostrom, das liegt über dem Bundesdurchschnitt von nur 42 Prozent. Also da hat die Energieagentur, da habt ihr als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Energieagentur Rheinland-Pfalz, sicherlich mitgeholfen. Und ihr habt in diesem Fall ja auch eine relativ offene Landesregierung. Aber leider ist es andernorts noch nicht so weit. Das heißt also im Energiebereich: Rheinland-Pfalz muss überall werden!

EARLP: Vielen lieben Dank Herr Dr. Alt für das Interview!

Rückblick Jahreskongress der Energieagentur Rheinland-Pfalz 2018