07.11.2016

Der Klimawandel und sein Folgen für Rheinland-Pfalz: „Die Zeit läuft uns davon!“

Dr. Ulrich Matthes, Foto: RLP Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen

Am 4. Oktober 2016 hat das Europäische Parlament dem Pariser Klima-Abkommen aus dem Jahr 2015 zugestimmt. Zentrales Ziel ist es, die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Bis zum Jahr 2030 will die EU mindestens 40 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen als im Jahr 1990. „Jetzt muss Deutschland den vielen Absichtserklärungen auch Taten folgen lassen“, mahnt die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken. Sie ist Mitglied der deutschen Delegation bei der am 7. November in Marrakesch (Marokko) beginnenden Weltklimakonferenz COP22. „Die Zeit läuft uns davon“, warnt Höfken.

Das Jahr 2016 wird global wohl als das heißeste Jahr seit Beginn der Klimaaufzeichnungen im Jahr 1879 in die Geschichte eingehen. Sind die Starkregenereignisse des Sommers auch in Rheinland-Pfalz Anzeichen dafür, dass der Klimawandel auch bei uns angekommen ist? Das Rheinland-Pfalz Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen beschäftigt sich seit 2010 wissenschaftlich mit den Auswirkungen und möglichen Gegenstrategien, wie dem Klimawandel in Rheinland-Pfalz begegnet werden kann und welche Entwicklungen zu erwarten sind. Ein Interview mit Dr. Ulrich Matthes, Leiter des Kompetenzzentrums.  

Überrascht Sie als Forscher die Vehemenz der Wetterereignisse in Rheinland-Pfalz in diesem Jahr?

Extreme Wetterereignissen gab es auch vor 2016 immer wieder. Denken wir etwa an den Hitzesommer 2003 mit vielen Hitzetoten in ganz Europa, an den extrem trockenen, überdurchschnittlich warmen Sommer 2015 oder an lokale Sturm- und Hagelereignisse in Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren. In der Summe liefern die extremen Situationen der letzten Jahre Indizien für den auch bei uns bereits spürbaren Klimawandel. Mit Klimamodellen für Rheinland-Pfalz in die Zukunft „projizierte“ Klimaveränderungen lehren uns aber, dass extremes Wetter bzw. extreme Wettersituationen zunehmen.

Wie kann der Klimawandel noch abgemildert werden?

Der Klimawandel kann nur durch eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen abgemildert werden. Gleichzeitig wird es unvermeidbare Folgen des Klimawandels geben, die wir heute schon spüren und an die wir uns anpassen müssen. Gemessen am globalen Ausstoß an Treibhausgasemissionen hat Rheinland-Pfalz einen verschwindend geringen Anteil. Dennoch müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen und demonstrieren, dass die Energiewende funktioniert und eine CO2-neutrale Energieversorgung möglich ist. Rheinland-Pfalz hat hierzu in seinem 2015 veröffentlichten Klimaschutzkonzept 99 Maßnahmen aus acht Handlungsfeldern formuliert. Ziel ist die Verringerung der Gesamtsumme aller Treibhausgasemissionen in Rheinland-Pfalz bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 % im Vergleich zum Basisjahr 1990 und bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität bzw. mindestens 90 % Verringerung. Dabei liegt im Verkehrssektor zweifellos ein sehr großer Handlungsbedarf. Rheinland-Pfalz ist ein Flächenland, mit einem dicht verzweigten Verkehrssystem und europaweit bedeutsamen Verkehrsachsen für den Straßen-, Schienen- und Schiffsgüterverkehr. Klimaschonende Verkehrsträger müssen daher insbesondere im ländlichen Raum gefördert werden.

Gibt es aus Ihrer Sicht auch so etwas wie Gewinner eines Klimawandels im Land?

Im Klimawandel wird es sicher auch Gewinner geben. In Rheinland-Pfalz kann beispielsweise der Tourismus zu den Gewinnern zählen. Wandern, Radfahren und generell Outdoor-Aktivitäten profitieren von höheren Temperaturen in den Übergangsjahreszeiten. Außerdem kann sich die Badesaison verlängern. In der Land- und Forstwirtschaft können wärmeliebende Arten und Sorten zu den Gewinnern zählen. Der Weinbau kann durch den vermehrten Anbau von anspruchsvollen Rotweinsorten profitieren. Doch hier ist die Sache schon wesentlich komplizierter. Vermehrt auftretende extreme Wetterereignisse wie Starkregenereignisse und Hagelschlag können große Schäden verursachen. Feucht-warme Witterungsperioden können Krankheiten und Schädlinge begünstigen. Die Bewirtschaftung wird also komplexer, Flexibilität und Risikostreuung sind die Strategien der Zukunft. In der Forstwirtschaft kann sich ein CO2 Anstieg insofern positiv auswirken, als mehr Kohlendioxid zu einem gesteigerten Wachstum und damit zu mehr Biomasse und Ertrag führt. Dies gilt zumindest mittelfristig, je nach Baumart bis zu einem bestimmten Schwellenwert, ab dem zusätzliches Kohlendioxid nicht mehr ertragssteigernd verwertet werden kann

Innerhalb welcher Zeiträumen machen sich mögliche Veränderungen am Klima bemerkbar und wie können wir reagieren?

Nur eine drastische und schnelle  Reduktion von Treibhausgas Emissionen kann die weitere Erwärmung des Klimasystems  bremsen oder gar stoppen. Das Klimasystem ist  träge, die Treibhausgase haben eine Verweilzeit von über 100 Jahren in der Atmosphäre. Lokal können  Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel  aber durchaus sehr schnell Erfolge zeigen. Beispielsweise kann ein neu gestalteter Platz in einer Stadt mit einem hohen Grünanteil und viel Schatten die Aufenthaltsqualität bei Sommer- und Hitzetagen schon heute verbessern. Auch Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sind häufig zunächst einmal mit Kosten verbunden. Schäden infolge extremer Wetterereignisse können dadurch aber vermeidbar sein. Allerdings lassen sich Schäden und Kosten, die ohne Anpassung entstanden wären, nur schwer quantifizieren. Sicher ist jedoch, dass eine Zunahme von Extremereignissen wahrscheinlich ist und das Risiko für – auch nicht bezahlbare und nicht zu beseitigende – Schäden ansteigt.

Glauben Sie, dass sich die Ökosysteme nur bis zur Klimaerwärmung von zwei Grad Celsius problemlos an den Klimawandel anpassen können?

Mit einer Erwärmung über zwei Grad begibt sich die Menschheit in einen Temperaturbereich, in denen die Auswirkungen zunehmend nicht mehr beherrschbar sein werden. Wichtige Elemente des globalen Klimasystems kippen, mit der Folge, dass auch viele Ökosysteme irreversibel geschädigt werden und eben nicht mehr in der Lage sind, ihre Funktionen oder Leistungen zu erfüllen bzw. wiederherzustellen. Wenn wir von Schwellenwerten wie dem Zwei-Grad-Anstieg reden, sollten wir übrigens immer bedenken, dass es sich bei dem Zwei-Grad-Ziel um eine Erwärmung relativ zur vorindustriellen Zeit handelt. Einen großen Teil dieses Puffers hat die Menschheit bereits „verbraucht“. Global beträgt die Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits etwa 0,9 °C, in Rheinland-Pfalz sind es sogar schon 1,4 °C.  

Kontakt:

Dr. Ulrich Matthes
Telefon: 06306-911153, E-Mail: ulrich.matthes(at)klimawandel-rlp(dot)de

www.klimawandel-rlp.de, www.kwis-rlp.de, www.fawf.wald-rlp.de