18.11.2016

Das Projekt "Wohnscouts": Wie Migranten und kommunaler Klimaschutz zusammenfinden

Foto: privat

Jeder Mensch, der durch Flucht unerwartet in ein anderes Lebensumfeld geworfen wird, muss sich an die dort üblichen geschriebenen und ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln halten. Insbesondere die Umgangsformen, die nirgends festgelegt sind, spielen hierbei oft eine gewichtige Rolle.

So ergeht es dieser Tage auch vielen Geflüchteten in Deutschland. Krieg und Elend in den jeweiligen Heimatländern zwingen die Menschen, sich eine vorrübergehende Bleibe und sichere Unterkunft in einem fremden Land zu suchen. Aber was haben die in Deutschland mehrheitlich gelebten gesellschaftlichen Regeln mit Nachhaltigkeit und Energienutzung oder mit Klimaschutz zu tun? Das wird schnell deutlich, wenn man sein persönliches Wohnverhalten betrachtet: In der Regel lüftet man im Winter kurz durch, anstatt die Heizung bei offenem Fenster laufen zu lassen. Auch Mülltrennung ist in Deutschland inzwischen ebenso selbstverständlich wie der bewusste Umgang mit Wasser.

Verhaltensweisen, die für viele von uns selbstverständlich sind und die vor allem unter Kostengesichtspunkten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Woher aber soll ein Mensch aus einem Land, in dem Häuser vielleicht weder Heizungen noch Fenster haben, wissen wie man „stoßlüftet“ oder am sinnvollsten die Heizung einstellt, wo Strom und Diesel niedrige Kosten haben, so dass ein sparsames Nutzen keine große Rolle spielt.  Wie kann man ohne fließendes Wasser im Haus zu kennen einschätzen was zu einem hohen und was zu einem geringen Verbrauch führt? Oft kommt dann das böse Erwachen mit der Nebenkostenabrechnung. Ob diese dann durch die Kommune oder durch den Mieter selbst beglichen wird, ist unserem Klima egal.

Das Projekt "Wohnscouts"

Aus diesem Grund hat die Klimaschutzmanagerin der Verbandsgemeinde Nieder-Olm, Tatiana Herda Muñoz, das Projekt „Wohnscouts“ ins Leben gerufen. Darin erhalten Geflüchtete Tipps und Tricks rund um das Thema Wohnen. Damit werden die Ausgaben der Kommune, die in der ersten Phase die Wohnkosten der Geflüchteten trägt, reduziert und ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Zudem fördert der in Deutschland übliche Umgang mit der eigenen Wohnung die Integration in die jeweilige Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft. Sekundärkosten, etwa durch verschimmelte Wohnungen oder Beschwerden wegen Geruchsbelästigungen durch nicht entsorgten Müll werden so im Vorhinein vermieden.

Klimaschutz und Integration vereinen

Ziel ist es, die Geflüchteten selbst zu sogenannten „Wohnscouts“ auszubilden. Diese gehen als kommunale Berater in Wohnungen anderer Flüchtlinge, um diese mit den Regeln und Hinweise rund um das Thema Wohnen vertraut zu machen. Erfahrungen zeigen, dass ein ähnlicher kultureller Hintergrund und die gleiche Muttersprache bei der Vermittlung und der Akzeptanz des Gegenübers von entscheidender Bedeutung sind.

Damit geht ein weiterer positiver Effekt einher: Menschen, für die es oft schwierig ist, einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden, werden in entsprechenden Trainings ausgebildet. Sie erfahren nicht nur Wertschätzung durch das Ausüben einer sinnvollen Tätigkeit und das Leisten eines gesellschaftlichen Beitrags. Auch ein Modul zum Thema Arbeitskultur ist Teil der Ausbildung. Durch ihren Einsatz für die Kommune lernen sie in einem geschützten Raum die ungeschriebenen Regeln des deutschen Arbeitsmarkts kennen.

Das Projekt „Wohnscouts“ vereint also Klimaschutz und Integration und gestaltet somit das Lebensumfeld in Deutschland nachhaltig mit.

Tatiana Herda Muñoz