Ansprache von Bürgermeisterin Weigand beim Staatsakt für Flutopfer

Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli hat sich für uns an der Ahr alles verändert. Die Ahr – früher unsere launige Weggefährtin – ist mit all ihren Zuläufen zu einem Monster geworden, zu einem brutalen Ungeheuer. Aufgetürmt auf unvorstellbare Höhen von über 10 Metern hat sie alles, alles unterspült, überrollt, zerstört.

Viele von uns hat sie in den Tod gerissen. Ein gewalttätiger, qualvoller Tod. 33 Menschen bei uns und fünf von weiter her, alleine 38 Leben sind bei uns in dieser Nacht ausgelöscht worden. Viele konnten dem Tod nur knapp entgehen, haben viele Stunden in Lebensgefahr verbracht. Die meisten von uns sind im Innersten schwer erschüttert, sind traumatisiert worden in diesen dunklen Stunden. Und als wäre das alles nicht genug, hat die Ahr uns noch gleich unser Zuhause genommen; hat zusammen mit den Häusern auch gleich Straßen und Brücken mitgenommen. Sie hat unsere Heimat zerstört.

Es gibt keine Worte, wirklich zu beschreiben, was passiert ist.

Sehr geehrter Herr Bundesspräsident, sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, meine Damen und Herren,

Tief Bernd hat eine Spur der Verwüstung und des unermesslichen Leids durch Deutschland und durch unsere Nachbarländer gezogen. Und so stehe ich heute vor Ihnen in mehreren Rollen:

Als Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, der Region, die in der Fläche am stärksten von der Flutkatastrophe betroffen ist. Und gleichzeitig auch stellvertretend für meine Bürgermeisterkolleginnen und -kollegen in den anderen betroffenen Regionen. Als Hoffnungsträgerin, die ungeduldig ist, die zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen den Wideraufbau anschieben will. Und als eine von Tausenden persönlich Betroffenen, die ihr Zuhause in diesen bangen Stunden verloren haben.

Wir sind alle so dankbar für die Hilfe, die wir seit der ersten Stunde bis heute erfahren dürfen. Von Menschen, die nicht lange gefragt haben, die einfach angepackt haben; immer wieder, jeden Tag neu. Und auch für uns gilt es, jeden Tag neu, nach vorne zu schauen.

Unser aller Ziel muss es jetzt sein, dass Strategien entwickelt werden, wie wir zukünftig unter dem Einfluss des Klimawandels weiterhin sicher in Flussregionen leben können. Leben an Flüssen muss neu gedacht werden. Der Wiederaufbau der Ahr kann dabei ein Modell für die vielen Mittelgebirgsflüsse in Europa sein. Ziel ist es dabei auch, konkrete Wohn- und Lebensstrategien zu entwickeln, damit unsere alte Heimat auch unsere neue Heimat werden kann. Die Infrastruktur muss neu aufgebaut werden – robuster gegen Katastrophen als vorher. Gewerbe, Tourismus, Unternehmen müssen schnell wieder Tritt fassen können.

Uns so wünsche ich mir, wie Sie es, Herr Bundespräsident, auch am Samstag in Aachen gesagt haben, dass wir aus dieser Katastrophe lernen. Lernen, gezielter und verlässlicher warnen zu können; lernen, effektivere Krisenstäbe aufzusetzen; lernen, besser umgehen zu können mit den durch den Klimawandel entfesselten Naturgewalten wie Dürren, Hitzewellen, Stürmen, Tornados und Wassermassen.

Ich wünsche mir, dass die betroffenen Menschen und die betroffenen Regionen sehr bald Perspektiven bekommen. Dafür wünsche ich mir, dass national und international Experten verschiedener Fachrichtungen zusammengezogen werden, um schnell und kompetent einen Masterplan zu entwickeln. Denn wie sollen die Menschen die Entscheidung treffen können, in ihrer Heimat ihr Zuhause oder ihren Betrieb wieder aufzubauen, wenn sie keine verlässliche Richtschnur bekommen, was risikoarm und vertretbar ist. Wie sollen sie entscheiden können, wenn sie keine belastbaren Aussagen bekommen, welche Schutzbauwerke Bund und Länder errichten wollen, wo wieder aufgebaut werden kann und darf, und wie eine neue Bebauung aussehen muss, die resilient, die widerstandsfähig ist gegen Flut.

Ich wünsche mir auch, dass dies bundesweit koordiniert wird, damit die betroffenen Regionen nicht miteinander um die besten Köpfe konkurrieren. Und, damit wir uns nicht im Klein-Klein der einzelnen Aufgaben verzetteln, sondern die Weichen auf Überholspur stellen. Deshalb wünsche ich mir Geschwindigkeit; denn ich bin überzeugt, um die Vielzahl und den Umfang an Aufgaben bewältigen zu können, müssen Entscheidungen viel schneller, einfacher und genereller getroffen werden. Vereinfachte Genehmigungsverfahren, Sonderhandelszone, Sonderbauzone, Konzentration von Arbeitskraft und Material auf die vielen zerstörten Städte und Gemeinden. Damit trotz des großen Ausmaßes und der enormen Komplexität der Schäden ein schneller Wiederaufbau gelingen kann.

Wir brauchen jetzt und in den kommenden Jahren Mut. Weil manche schnelle Entscheidung sich im Nachhinein als vorschnell oder falsch herausstellen wird. Wir brauchen Ausdauer, tragfähige Konzepte, echte Perspektiven und vor allem wahrhaftigen Zusammenhalt über alle gesellschaftlichen Ebenen und politischen Parteien hinweg.

Quelle: Ansprache von Bürgermeisterin Cornelia Weigand beim Staatsakt für die Flutopfer in Rheinland-Pfalz am 1. September 2021 am Nürburgring

Ein Videomitschnitt von Cornelia Weigand's Ansprache kann auch auf dem YouTube-Kanal des SWR angeschaut werden.