19.08.2015

"Neue Energie Bendorf e. G." Interview mit Vorstand Thomas Müller

Herr Müller, sind Sie als Bürgerenergiegenossenschaft Neue Energie Bendorf e. G. (NEBeG) eine Gruppe Spätentwickler der „Grünen Jugend“ Mittelrhein mit Faible für Ökostrom?

Müller: Ja und Nein: Sympathie für Ökostrom haben wir in jedem Fall. Aber dafür muss man natürlich nicht „grün“ sein. Bei uns kann jeder mitmachen. Wir freuen uns über jedes Mitglied aus allen Orten des Landes oder der Nachbarschaft. Uns geht es im Kern um vier Ziele:

1. Nachhaltige Versorgung mit Energie aus erneuerbaren Quellen und regionale Wertschöpfung

2. Energieversorgung zurück in die Hand der Bürger

3. Klimaschutz

4. Wir möchten unseren Mitgliedern die Möglichkeit einer ethisch vertretbaren und nachhaltigen Geldanlage bieten               

Also doch ein Bund „verkorkster Idealisten“?

Müller: Wir sind sicher alles andere als verkorkst! Natürlich benötigt man auch ein gerüttelt‘ Maß Idealismus, um die Energiewende von unten voran zu bringen. Wir sehen uns aber eher als Realisten. Dass die traditionelle Energieerzeugung auf Dauer nicht funktioniert, bestreitet wohl niemand mehr. Als Vorstand der Neuen Energie Bendorf sage ich: Wir haben einen klaren Auftrag mit Blick auf die vier genannten Ziele, und mein Vorstandskollege Frank Simonis, viele weitere Unterstützer aus der Genossenschaft und ich werden diesen Auftrag entschlossen umsetzen. Mit dem MYK-Strom-Vorhaben sind wir dieses Thema im Übrigen bereits erfolgreich angegangen und mehrere weitere Projekte sollen künftig insbesondere zum Thema der regionalen Energieversorgung beitragen.

Um welche Projekte geht es da genau?

Müller: Da wäre zum Beispiel unser Großvorhaben: Windpark im Mayener Hinterwald. Das wird ein echter Bürgerwindpark nach „allen Regeln der Kunst“: Die Anwohner können sich über unsere Genossenschaft direkt an dem Vorhaben beteiligen und haben so auch etwas davon. Ganz nach dem Motto „Wer ein Windrad sieht, der soll auch davon profitieren“. Das Gelände ist städtisch – die Pacht kommt also der Stadt und den Bürgern von Mayen zugute. Die Betriebsgesellschaft erhält ihren Sitz in Mayen – so bleiben Abgaben und Steuern ebenfalls in Mayen. Und unsere Genossen haben natürlich auch etwas davon: Rendite, wenn der Park die ersten Erträge abwirft. Also ein rundum tolles Projekt…

 …das natürlich auch ziemlich schief gehen kann…

Müller:…wovon wir mal nicht ausgehen. Denn die Planung und die Vorbereitung werden natürlich äußerst sorgfältig getroffen, und die Kalkulation ist sehr konservativ aufgestellt. Zudem haben wir erfahrene Projektierer an unserer Seite mit der Expertise von über zwei Jahrzehnten in dem Geschäft. Wir machen uns seit einem guten Jahr Gedanken darüber, wie man ein solches Investment bewertet und haben hierbei auch die Unterstützung anderer Genossenschaften, die bereits erfolgreich Windenergieanlagen betreiben. Wir sind uns in diesem Thema unserer Verantwortung sehr bewusst.

 Sie sprachen gerade das Thema „MYK-Strom“ an. Was ist das genau?

Müller: MYK-Strom ist zu echten 100 Prozent Ökostrom. Der Stromhandel wird von den „Bürgerwerken“ organisiert. Die Bürgerwerke sind eine Genossenschaft, die von anderen Genossenschaften zu diesem Zweck gegründet wurde, frei nach Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele!“ Die Bürgerwerke arbeiten ausschließlich mit Direktlieferverträgen mit Genossenschaften und einem Deutschen Wasserkraftwerk am Inn. Das heißt: Sie liefern echten Ökostrom – darin ist kein Atom- und Kohlestrom enthalten. Verbraucher legen ihr Geld in gute Hände – es bleibt nämlich hier in der Region und bringt die Energiewende voran. Es verbessert  sofort die Umweltbilanz der Haushalte. Bei der Produktion des Stroms wird zudem kein Atommüll erzeugt und die CO₂-Belastung wird im Vergleich zum Bundesdurchschnitt um rund 95 Prozent gesenkt. Wer MYK-Strom bezieht, fördert außerdem neue ökologische Kraftwerke in Bürgerhand. Also: Jeder Vertrag, der über die Neue Energie Bendorf eG geschlossen wird, hilft der Bürgerenergie.               

Welche weiteren Vorhaben streben Sie an?

Müller: Es laufen Planungen für weitere Solaranlagen mit Kommunen, Firmen und Privatpersonen. Weitere geplante Vorhaben sind: Ausbau der kommunalen Kooperation (z.B. Straßenbeleuchtung, energetische Sanierung, Klärwerke) und Kooperation mit Unternehmen und Institutionen, aktuell: Umweltnetzwerk Kirche Rhein-Mosel e.V. Wir arbeiten ferner daran, Strömungskraftwerke im Rhein zu installieren. Diese sind grundlastfähig, es bedarf keiner Bauwerke im Rhein und mit ihren langsam drehenden Rotoren sind sie ungefährlich für Fische. Dieses Projekt wird bei unserem Sommerfest am 19. September auf der Insel Niederwerth im alten Wasserwerk ausführlich vorgestellt.

Herr Müller, Danke für das Gespräch.

 

Die Neue Energie Bendorf e. G. ist eine eingetragene Genossenschaft (Bürgerenergiegenossenschaft) mit Sitz in Bendorf. Sie wurde im Jahr 2012 gegründet. Vorstände sind Frank Simonis und Thomas Müller. Die Vorstandsarbeit wird von einem fünfköpfigen Aufsichtsrat geprüft. Mit dem Vermögen der Genossenschaft werden Energievorhaben realisiert. Nächstes großes Vorhaben ist ein Windpark im Hinterwald von Mayen. Mitglied werden kann jeder, der einen Mitgliedsanteil von 100,00 Euro erwirbt. Es sind auch höhere Beträge bzw. spätere Erhöhungen möglich.