13.10.2014

Leuchtturmprojekt Nahwärme Ober Kostenz offiziell in Betrieb genommen

Tag der Freude in Ober Kostenz: nach jahrelanger Vorarbeit und unermüdlichem Willen wurde nun der Nahwärmeverbund offiziell in Betrieb genommen, der den Ort zukünftig mittels lokaler Holzhackschnitzel regenerativ mit Wärme versorgen wird und einen Ausweg aus den ständig steigenden Heizölpreisen bietet. Begonnen hatte der Weg im Jahr 2009 mit der Besichtigung des Bioenergiedorfes Breuberg-Rai-Breitenbach im Odenwald.

Der Monat September steht in Ober Kostenz für die entscheidenden Meilensteine: 2012 wurde die Genossenschaft gegründet, 2013 erfolgte der Spatenstich und genau ein Jahr später waren die Bauarbeiten komplett abgeschlossen.

Das Projekt in Ober Kostenz hat Vorbildfunktion für die gesamte Region. 75 Prozent aller 137 Gemeinden im Rhein-Hunsrück-Kreis haben weniger als 500 Einwohner. In den meisten dieser Ortschaften ist kein Gasanschluss vorhanden und die Beheizung somit vom Heizöl abhängig.

Ein Durchschnittshaushalt mit 2.500 Liter Heizölverbrauch musste 1992 noch 605 Euro für Heizöl bezahlen, 2012 waren es mit 2.325 Euro bereits fast viermal so viel – Tendenz weiter steigend. Ortsbürgermeister Gerd Schreiner bringt es auf den Punkt: „Von Euch heizt in 20 Jahren keiner mehr mit Öl, weil Ihr es Euch nicht mehr leisten könnt“. In Ober Kostenz wurde dieses Grundproblem frühzeitig erkannt und die richtigen Rückschlüsse gezogen.

Bei der im September 2012 gegründeten „Energiegenossenschaft Ober Kostenz eG“ wurden mittlerweile 75 Anteile gezeichnet. An den Nahwärmeverbund sind 70 von 91 Häusern im Ort angeschlossen. Über 75 Prozent Anschlussquote ist ein außergewöhnlich hoher Wert, der nur dank unermüdlichen, persönlichen Einsatzes der Visionäre um Gerd Schreiner, Olaf Hoffmann, Jan Scherer, Volker Engelmann, Wolfgang Pauli, Reinhard Schäfer, Klaus Rodenbusch und Pfarrer Andreas Nehls möglich wurde. Die Arbeiten wurden ausschließlich von Firmen aus der Region ausgeführt. Die veranschlagte Investitionssumme in Höhe von ca. 1,67 Millionen Euro netto wurde exakt eingehalten, auch dank ca. 3.200 Stunden Eigenleistung. So wurden zwischen 2.500 und 3.000 qm Pflaster von den Genossen selbst verlegt. Auch sonst sind die Zahlen beeindruckend: 3.500 Meter Nahwärmeleitungen wurden in Gräben im Ort verlegt und dabei manch knifflige Situation im engen Ortskern gelöst.

Dass der Bau des Nahwärmeverbundes in Ober Kostenz verwirklicht werden konnte, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, denn der Weg war ein sehr harter und steiniger. Die lokalen Macher haben in mühsamer, ehrenamtlicher, quasi autodidaktischer Arbeit ihr Nahwärmenetz geplant und realisiert. Der Vorstand hat sich über zwei Jahre fast jeden Donnerstag getroffen und die nächsten Schritte besprochen, wie Gerd Schreiner in seiner Ansprache betonte. Hierbei wurden komplexe technische und wirtschaftliche Fragestellungen, wie z.B. Genossenschaftsgründung und Zuschussproblematiken, praxisorientiert gelöst.

In Ober Kostenz entstand der bislang mit Abstand größte Wärmeverbund in einer Ortsgemeinde im Kreis. Abgerundet wird das Konzept durch eine eigene Photovoltaikanlage mit 54 Kilowattpeak Leistung auf dem Heizhaus, die unter anderem auch den Großteil des benötigten Pumpenstroms selbst erzeugt.

Um das Dorf für die Zukunft fit zu machen, hat die Ortsgemeinde neben dem Nahwärmenetz einen weiteren, neuen Baustein geschaffen. Für den eigengenutzten Neubau, den Kauf oder die Übernahme eines Wohnhauses in Ober Kostenz erhält jeder, der die entsprechenden Kriterien des Förderprogramms erfüllt, ein zinsloses Darlehen von 10.000 Euro und einen Zuschuss von 5.000 Euro, sowie für jedes Kind unter 18 Jahren noch einmal 2.000 Euro Zuschuss.

Landrat Bertram Fleck, die Landtagsabgeordnete Bettina Brück und der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kirchberg, Harald Rosenbaum, waren voll des Lobes für diese unermüdliche Pionierleistung und dankten den Machern der Energiegenossenschaft Ober Kostenz. Ihr ausdrücklicher Dank galt auch dafür, dass die Aktiven sich von den vielen Rückschlägen nicht haben entmutigen lassen.

Nach Auffassung von Landrat Fleck bestätigt der Nahwärmeverbund in Ober Kostenz den Bericht über den Rhein-Hunsrück-Kreis in der renommierten Fachzeitschrift „Energie & Management“, wonach der Kreis die „Heimat der Vormacher“ ist: „Wir wollen einen großen Teil der insgesamt 290 Millionen Euro jährlich anfallenden Energieimportkosten im Kreis binden und in regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze umwandeln“, so Landrat Bertram Fleck.

Im Juni 2014 wurde der Rhein-Hunsrück-Kreis in der Europäische Champions League für Erneuerbare Energien (RES) ausgezeichnet. Neben den quantitativen Fakten wie der installierten Leistung erneuerbarer Energien wurden für den Wettbewerb auch 29 qualitative Kriterien zu politischen Beschlüssen, Strategie, systematischen Ansätzen und Akteursnetzwerken beleuchtet. Die Jury setzt sich zusammen aus Energieexperten, Netzwerken, Nicht-Regierungs-Organisationen und Journalisten aus 10 Nationen.

Die dynamische Entwicklung des Kreises zur energetischen Vorzeigeregion binnen zweier Dekaden basiert auf zahlreichen pioniermäßig entwickelten Vorzeigeprojekten privater, gewerblicher und öffentlicher Akteure. Landrat Bertram Fleck erinnerte daran, dass daher stellvertretend für alle Akteure im Kreis auch Gerd Schreiner die Auszeichnung gemeinsam mit ihm in Brüssel in Empfang genommen hatte.

Bürgermeister Gerd Schreiner gab den Dank weiter an seine Mitstreiter aus dem Vorstand und „den wichtigsten Personen, allen Genossenschaftsmitgliedern, die bereit waren, Neues zu machen, die nicht mehr abhängig von irgendwelchen Konzernen, Ölscheichs oder sonst jemanden sein wollten“.

Nach dem Willen von Landrat Fleck und den Fraktionen im Kreistag soll das Wissen aus Ober Kostenz und anderen Nahwärmeverbünden als „Blaupause“ transferiert werden und somit Synergien genutzt werden. Im Rahmen des Projektes „ZukunftsiDeeen“ wird in Kürze ein Praxisleitfaden für alle Kommunen erstellt, in denen die Erfahrungen der „Pioniere“ eingebracht werden sollen.

Folgende Nahwärmenetze sind bereits im Landkreis in Betrieb: Fronhofen (für 7 Häuser) seit 2006, Külz (für 12 Häuser) seit 2009, VG Kastellaun seit 2008 (Verbandsgemeinde für kommunale und private Abnehmer), VG Rheinböllen (für Hallenbad, 2 Kindergärten, Puricelli-Schule, Bürgerhaus) seit 2009, drei interkommunale Nahwärmeverbünde der Rhein-Hunsrück Entsorgung in Simmern, Kirchberg und Emmelshausen 2010 bis 2012 (für 33 öffentliche Gebäude), Beltheim-Mannebach seit Dezember 2012 (für 20 Häuser, erster genossenschaftlich organisierter Verbund im Landkreis), Niederweiler (privater Anschluss von 9 Häusern an Wärme von Biogasanlage)

Derzeit im Bau: Kappel (70 Genossenschaftsmitglieder), Fronhofen (restliches Dorf, ca. 35 weitere Anschlussnehmer, Bauherr Energiebetrieb der VG Simmern)

Derzeit in Planung sind Nahwärmeverbünde für die Simmerner Innenstadt, ein gemeinsames Netz für Külz und Neuerkirch, Ellern, Masterhausen und Bickenbach.

 

BUZ: Gerd Schreiner und seine Vorstandskollegen der Ober Kostenzer Energiegenossenschaft freuen sich gemeinsam mit Landrat Bertram Fleck, der Landtagsabgeordneten Bettina Brück und VG-Bürgermeister Harald Rosenbaum über die geleistete Pionierarbeit.