06.09.2017

Energiewende vor Ort: Netz der Zukunft in Kisselbach

Bürger von Kisselbach und zugleich einer der Betreuer der „Smart Operator“-Technologie : Achim Butz. Hier erläutert er im Trafohäuschen das System der Leitungsstränge im Dorf. (Foto: Energieagentur Rheinland-Pfalz/Axel Bernatzki)

Die „Zukunft unserer Stromversorgung“ beginnt in zwei Containern, jeder so groß und so schlicht wie eine Fertiggarage. Der eine am Kirchpfad mitten im Dorf, der andere gegenüber dem Neubaugebiet Am Vogelsang. Dort, wo am Ortsrand von Kisselbach die Felder beginnen, kann Westnetz 150 Kilowattstunden Strom speichern; in dem anderen Container fällt die Entscheidung, wann das geschieht. „Smart Operator“ nennt Westnetz, der Netzbetreiber von innogy,  diese Technologie, die für eine gleichmäßigere Auslastung der Stromnetze sorgen soll: indem die Spitzenwerte über den Speicher gemindert werden und perspektivisch möglichst viel der vor Ort erzeugten Energie auch dort verbraucht wird.

Kernstück der Versuchsanordnung ist ein weißes Kästchen von vielleicht 15 mal 20 Zentimetern, der Rechner, in dem die Daten aus allen angeschlossenen Kisselbacher Haushalten zusammenlaufen. Mit den anonymisierten Verbrauchsangaben, ergänzt um aktuelle Wetterdaten und -prognosen, rechnet der „Smart Operator“ hoch, wann wieviel Energie auf welchem Leitungsstrang abgerufen werden wird. Kisselbach ist in eine Handvoll derartiger Stränge aufgeteilt. Spannungsspitzen, etwa durch hohe Einspeisung über Photovoltaik-Anlagen, kann der Rechner im Trafo-Häuschen deshalb auch innerhalb des Dorfes umleiten oder verteilen.

Kisselbach ist einer von bundesweit drei Standorten des „Smart-Operator“-Feldversuchs, ausgewählt nicht zuletzt wegen seiner Glasfaser-Infrastruktur, meint Ortsbürgermeister Heinz-Ludwig Kub. Nach drei Versuchsjahren zeigt dessen Auswertung: Das Ortsnetz nimmt im Durchschnitt rund 35 Prozent mehr vom vor Ort regenerativ erzeugten Strom auf. Und diese Steuerung klappt immer besser, je länger sie läuft, berichtet Achim Butz, Kisselbacher Bürger und zugleich als Westnetz-Mitarbeiter einer der Betreuer der Kisselbacher Anlagen.

Denn der „Smart Operator“ ist ein lernendes System. Aus der Datenflut aller angeschlossener Haushalte errechnet er - anonymisiert - Verbrauchsverhaltensmuster. So lässt sich einigermaßen verlässlich vorhersagen, wann auf welchem der Lieferstränge welche Menge an elektrischer Energie benötigt bzw. eingespeist wird.

Der Vorteil für die Netzbetreiber ist offenkundig: Der Aufwand für Umschaltanlagen sowie für Bau und Unterhaltung zusätzlicher Übertragungsnetzleitungen nimmt ab, wenn die örtliche Auslastung gleichmäßiger verläuft. Bei den Stromkunden liegt der Vorteil derzeit vor allem in der zusätzlichen Transparenz. Wenn der eigene Stromverbrauch jederzeit exakt ablesbar ist, mag das zu bewussterem Umgang mit der Energie beitragen.

Für die Zukunft sind darüber hinaus gehende Modelle denkbar, die den Profit für die Stromkunden erheblich steigern würden - in Kombination mit aktuellen Börsenpreisen etwa, oder über ein umfassendes Verbrauchsmanagement, das Batteriespeicher, Haushaltsgeräte, Elektro-Autos und -Fahrräder nach aktuellem Preis und Bedarf steuert.

In diese Richtung wird der „Smart Operator“ weiterentwickelt. Er ist ein wichtiger Bestandteil des vom Bundeswirtschaftsministerium initiierten Energiewendeprojekts „Designetz“, das im Januar 2017 an den Start gegangen ist. 46 Projektpartner unter Konsortialführung von innogy wollen die intelligente Vernetzung von vielen dezentralen Energieerzeugern und Verbrauchern vom ländlichen bis hin zu hochindustrialisierten Ballungszentren schaffen.

Teil dieses Projekts ist die „Energiewabe Rhein-Hunsrück-Kreis“ und deren Kern wiederum der Kisselbacher Feldversuch. Die Vorreiterrolle des Kreises erfreut ausdrücklich auch Landrat Marlon Bröhr: „Mit dem Smart-Operator in Kisselbach hat innogy den Grundstein für die Energiewabe Rhein-Hunsrück gelegt. Ich freue mich, dass es gelungen ist, sieben Millionen Euro Investition für die systematische Weiterentwicklung dieses Ansatzes in den Kreis zu lenken.“

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