23.08.2017

Energiewende vor Ort: Das Waldecker Strohhaus

Dido und Happy Freund schätzen das Leben im Strohballenhaus sehr. (Foto: Axel Bernatzki, Energieagentur RLP)

Das „Fenster der Wahrheit“ ist im Flur. Ein Stück Glas unterbricht dort die Putzfläche und gibt den Blick frei auf goldgelbe Halmabschnitte. Es ist die einzige Stelle im Haus, wo das zentrale Wandmaterial sichtbar wird: Stroh. Leben zwischen gepressten Ballen - wie fühlt sich das an? „Besser geht’s nicht“, sagen die Bewohner.
Mehr als zwölf Jahre bewohnen Dido und Happy Freund inzwischen ihren Dienstsitz. Happy Freund ist „Burgvogt“ für die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck.


Zusammen mit seiner Frau Dido managt er seit 18 Jahren den Tagungs- und Seminarbetrieb sowie die sonstigen Veranstaltungen bis hin zum alljährlichen Waldeck-Festival zu Pfingsten. Burgvogt sein bedeutet immer auch wohnen auf der Waldeck. Leben und arbeiten gehen fließend ineinander über.
Als das alte „Burgvogt“-Wohnhaus heutigen Ansprüchen nicht mehr genügte, diskutierten die Waldecker zunächst Sanierung, dann Neubau. Die Entscheidung für Stroh fiel erst im Laufe eines intensiven Planungsprozesses, erinnert sich der Bucher Architekt Birger Boos, der neben diesem ein weiteres „Ballenhaus“ fast zeitgleich geplant hat: Es steht in Uhler und wurde als erstes in Rheinland-Pfalz genehmigtes Wohnhaus aus Stroh bezugsfertig.


Das Genehmigungsverfahren war damals für alle Beteiligten Neuland und weil Strohballen keine „bauaufsichtliche Zulassung als Baustoff“ hatten, brauchte es eine Einzelfall-Genehmigung aus dem Finanzministerium des Landes. Architekt Boos berichtet dennoch von äußerst positiven Erfahrungen mit den Behörden in Mainz und Simmern, von großem Interesse bei den Sachbearbeitern und breiter Unterstützung. So als hätte sich ein Teil der Begeisterung von den Bauherren auf die Beamten übertragen.
Den Auftraggebern ging es primär um den Einsatz natürlicher Materialien: neben Stroh vor allem Lehm und Holz. Und um die Chance, möglichst viel - im Wortsinn - eigenhändig zum Bau beitragen zu können. Auf der Waldeck diente die Baustelle zudem als Schulungsobjekt für Workshops; erst als der Baufortschritt beschleunigt werden musste, wurden Baufirmen mit der Fertigstellung beauftragt. Im Februar 2006 konnten die Freunds schließlich einziehen.


Bis heute sind sie begeistert vom Raumklima in dem zweistöckigen Haus. Außen schützt eine Holzschalung die Wände, innen sorgt eine starke Lehmputzschicht für abgerundete Fenster- und Türleibungen. Die weicheren Linien mögen zum Wohlgefühl drinnen beitragen - für Happy und Dido Freund kommt ganz unmittelbar körperlich Erfahrbares hinzu: im Winter warm, im Sommer kühl.
Die Dämmeigenschaften der Strohballen sind hervorragend und der Lehmputz kann viel Feuchtigkeit aus dem Raum aufnehmen und wieder abgeben. Birger Boos zitiert Harald Wedig, einen der Initiatoren für die Strohbauweise, mit dessen Urteil über den Neubau auf dem Waldeck-Gelände: „Harte Schale, weicher Kern - wenn du hinein kommst ist es, als würde man dir eine warme Decke umlegen.“

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Bild unten: Wandaufbau mit Heizung und Lehm-Verputz (Foto: Birger Boos)