28.08.2017

Energiewende vor Ort: Das Nahwärmenetz in Ober Kostenz

Ortsbürgermeister Gerd Schreiner vor dem Holzhackschnitzel-Lager (Bild: Axel Bernatzki, Energieagentur RLP)

Die Transportbox voller Aktenordner macht Eindruck. Drei Sätze hat Gerd Schreiner  gesprochen, als er sich selbst unterbricht, aufsteht und kurz darauf die Dokumenten-Kiste anschleppt. Seit 2005, seit den ersten Überlegungen für ein Nahwärmenetz in Ober Kostenz,  ist eine Menge an Unterlagen zusammengekommen. Sie dokumentieren sowohl Aufbruchsstimmung als auch zeitweilige Rückschläge für ein Projekt, das heute als einer der Leuchttürme im Kreis gilt. Über den Weg dahin und die Auswirkungen auf das Dorf berichtet der gebürtige Ober Kostenzer im Gespräch.

Herr Bürgermeister, wie kommt man auf so eine Idee: Nahwärme fürs ganze Dorf?
Gerd Schreiner: Schon seit der Ölkrise in den 70er Jahren wurde bei uns zuhause mit Holz geheizt. Und ich bin in der Branche tätig. Was im Kleinen gut ist, sollte allen nützen.
Und wie wurde aus einer Vision ein gemeinschaftlich getragenes Vorhaben?
Wir haben uns umgeschaut, das Dorf in einen Bus gepackt und Rai-Breitenbach im Odenwald besucht, ein vom Land Hessen gefördertes Projekt. Das hat uns beeindruckt: Blockheizkraftwerk, toller Wärmepreis.  Dann haben wir das für uns nachrecherchiert und -gerechnet; und dann sah das weniger rosig aus.

Sie sind trotzdem drangeblieben?

2009 haben wir eine Machbarkeitsstudie erstellen lassen. Beim Nachprüfen haben wir festgestellt, dass die Ergebnisse schöngerechnet waren. Da haben wir das Ganze zunächst gestoppt - wegen fehlender Wirtschaftlichkeit. Erst als wir aus der Kostenkalkulation alles herausgerechnet haben, was in Eigenleistung möglich ist, ging die Rechnung auf: rund neun Cent für die Kilowattstunde. Das war 2011.

Die Geburtsstunde der Genossenschaft?
Nicht gleich. Danach haben wir eine verbindliche Umfrage im Dorf gestartet, wer sich ans Nahwärmenetz anschließen lassen will. Zunächst kamen die Karten nur zögerlich zurück; erst nach vielen Gesprächen mit den Leuten auf unserem Sportfest Ende Juli war auf einmal der Knoten geplatzt. Plötzlich, keiner weiß warum, waren es mehr als 60 Interessenten. Mit 57 wurde im September 2012 die Genossenschaft gegründet, ein Jahr später kam der Landrat zum ersten Spatenstich, wieder ein Jahr darauf waren wir fertig.

In der Zwischenzeit wurde Heizöl extrem billig. Hat die Begeisterung für die Nahwärme dadurch nicht gelitten?
Das war bisher keine Thema man spricht mit den Energiegenossen ab und zu über den niedrigen Heizöl, aber der Heizölpreis ist ja nicht alles. Die ganzen Nebenkosten wie Wartung, Schornsteinfeger und auch Energiekosten für den Heizkessel sind ja entfallen. Bei einem Heizölpreis von 65 Cent sind wir immer noch konkurrenzfähig. Nein, die Begeisterung hat nicht gelitten, der Zusammenhalt wirkt weiter. Teilweise waren samstags bis zu 25 Leute beim Bauen dabei, rund 4000 Stunden Eigenleistung sind zusammengekommen. Wir wollten und wollen jeden mitnehmen, auch Neubauten mit eher geringem Wärmebedarf, die sich rein wirtschaftlich betrachten nicht lohnen. Das trägt die Gemeinschaft mit. 70 Häuser von 91 sind derzeit  angeschlossen, drei neue Bauten kommen in den nächsten zwei Jahren noch dazu. Wir haben unser Neubaugebiet beim Verlegen der Rohre gleich mit angeschlossen. Wer hier baut, kriegt die komplette Heizung für 4500 Euro, den Preis eines Genossenschaftsanteils. Wir haben im Dorf nur einen Leerstand - und junge Leute ziehen zu.

Das Gemeinschaftsprojekt fördert den Zusammenhalt?

Das Dorf ist zusammengerückt. Wegen der gemeinsamen Sache, an die man glaubt, und weil wir ein ganzes Jahr gemeinsam malocht haben. Und das hält vor: Beim Umwelttag kommen ganz viele zum Helfen, und das neue Vereinsheim für die Sportler ist überhaupt nur durch die enorme Eigenleistung möglich.
Die Dorfgemeinschaft hat gewonnen.

Ihr Beispiel hat Schule gemacht?
Intensiv haben sich die Kappeler mit uns beschäftigt und unsere Erfahrungen für ihr eigenes Nahwärmenetz genutzt. Dieser Austausch geht weiter, auch zum Beispiel mit Fronhofen. Ich selbst bin häufig unterwegs, um unser Projekt zu präsentieren. Und natürlich sind alle willkommen, die sich an unserer Genossenschaft orientieren wollen.

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Bild unten: Bürgermeister Gerd Schreiner vor dem Brennstofflager an der Heizzentrale von Ober Kostenz. Verfeuert wird dort eine Mischung aus Holzhackschnitzeln und so genanntem „Ausputz“, landwirtschaftlichen Abfällen (Bild: Axel Bernatzki, Energieagentur RLP)