Energieeffizienz als Kostentreiber beim Wohnungsneubau?

Der Baustandard der Zukunft: Energieeffizient, erneuerbar, komfortabel und kostengünstig
Ein Haus ohne Schornstein und Heizkessel bauen? Oder eine Wohnung im Winter mit acht Teelichtern beheizen?
„Klar, denn die Gebäudetechnik der Zukunft ist einfach und kostengünstig, weil der Energiebedarf der Gebäude künftig sehr niedrig sein wird“, erklärte der Berliner Architekt Dr. Burkhard Schulze Darup den Zuhörerinnen und Zuhörern im vollbesetzten Ratssaal der Kreisverwaltung Bad Kreuznach. Mehr als 80 Fachleute aus den Bereichen Architektur, Bauingenieurwesen, Bau- und Wohnwirtschaft, Energieberatung, Gebäudetechnik und Handwerk  informierten sich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dialog Gebäudeenergieeffizienz“ der Energieagentur Rheinland-Pfalz über Lösungsansätze für wirtschaftliches Bauen ab 2021.

Die EU-Gebäuderichtlinie stellt hohe Anforderungen
Nach 2020 soll der Energieverbrauch der Häuser gegen Null gehen: Im Zuge der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie, die im Jahr 2010 in Kraft trat, sind die Mitgliedsstaaten aufgefordert, Niedrigstenergiestandards für den Neubau und die Sanierung von Gebäuden festzulegen. Für diese „nearly zero energy buildings“ wird in Deutschland im aktuellen Entwurf des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) für öffentliche Nichtwohngebäude ab 2019 ein Standard in Anlehnung an ein KfW-Effizienzhaus 55 vorgesehen. In einem zweiten Schritt soll für private Gebäude ab 2021 ein entsprechender Standard festgeschrieben werden.

Ob die höheren Ansprüche an die Energieeffizienz zu Kostensteigerungen beim Bauen führen, wie eine Kritik am geplanten GEG häufig geäußert wird? Nein, waren sich sowohl Schulze Darup als auch Bernd Ludwig vom Bauunternehmen Bott Bau aus Guldental einig. „Die Wirtschaftlichkeit ist bei aktuellen Rahmenbedingungen von Anfang an gegeben“, so Schulze Darup. „Es muss allerdings zwischen Investitionskosten und der monatlichen Belastung unterschieden werden.“ Die Referenten zeigten in ihren Präsentationen die Gründe dafür auf.

Die Gebäudehülle sollte möglichst kompakt sein und solare Energie optimal nutzen
Bereits bei der Konzeption von Gebäuden werden die Weichen für Energie- und Kosteneffizienz gestellt, so Schulze Darup: „Bei der Gebäudehülle sind wir inzwischen richtig gut, gerade die Passivhausplaner zeigen, wie es geht. Mit der Ausrichtung des Hauses nach Süden, kleinem Verhältnis von Oberfläche zu Volumen (A/V-Verhältnis), nicht zu vielen und zu großen Fenstern und richtiger Anordnung der Fenster, kleinen Rahmenanteilen bei den Fensterflächen, am besten ohne Keller sowie der Optimierung der Raumgrößen im Verhältnis zu den Verkehrsflächen schaffen wir die Voraussetzung für niedrige Energiebedarfe, nutzen solare Gewinne und reduzieren Kosten. Für ein Plusenergiehaus muss auch das Dach entsprechend geplant werden, um PV-Anlagen optimal platzieren zu können.“ Mit Beispielen aus einem DBU-Forschungsvorhaben, das Schulze Darup aktuell mit deutschen Wohnbaugesellschaften durchführt, demonstrierte er, welche Bauweisen und Grundrisse sich im Geschosswohnungsbau eignen, um einen Niedrigstenergiestandard anzupeilen, der dem KFW-55- oder KfW-40-Standard entspricht (Opens external link in new window„Kostengünstiger und zukunftsfähiger Geschosswohnungsbau im Quartier“). Die Reduzierung möglicher Wärmebrücken und eine luftdichte Ausführung seien selbstverständlich weitere Voraussetzungen.

Heizen ohne Heizkessel
Ein wesentlicher Kostenfaktor ist die Opens external link in new windowGebäudetechnik - hier sei ein Umdenken erforderlich, bei Planern, Gebäudetechnikern und Handwerksbetrieben. „Teure Heiztechniken, das macht keinen Sinn für Gebäude, die kaum Energie benötigen und mit den Wärmeverlusten von zwei, drei leistungsstarken PC´s heizbar wären. Gebäudetechniker und Architekten sollten sich zusammensetzen und die Technik so auslegen, dass sie wirtschaftlich ist und für das Gebäude funktioniert “, so Schulze Darup. Dementsprechend kann laut Schulze Darup bei der Heiztechnik gespart werden. „Heizsysteme der Zukunft für Ein- oder Zweifamilienhäuser und Reihenhäuser können beispielsweise aus kleinen Luft-Wasser-Wärmepumpen, kombiniert mit Wärmerückgewinnung der Lüftungsanlage, bestehen. Eine PV-Anlage auf dem Dach ermöglicht die Kopplung von Strom- und Wärmeerzeugung, gegebenenfalls kombiniert mit einem Batteriespeicher. Auf erneuerbarem Weg kann Wärme für 5 Cent Kosten pro Kilowattstunde bereitgestellt werden. PV-Strom kostet 12 bis 15 Cent, daraus generiert die Wärmepumpe eine 3 bis 5-fache Wärmemenge. Natürlich gibt es auch Herausforderungen. In Zeiten der Dunkelflaute im Winter muss die Leistung ebenfalls bereitgestellt werden, um die Energiewende zu schaffen.“

Deshalb ist eine kontrollierte Raumlüftung mit Wärmerückgewinnung ein „Muss“ für ihn, da sie neben hohem Komfort und guter Raumluftqualität eine beträchtliche Energieeinsparung biete. „Die Lüftungstechnik ist aber noch zu teuer, hier muss sich einiges bewegen“, betonte Schulze Darup, wobei aus seiner Sicht auch bei der Auslegung und Unterbringung der Anlagen Kosten gespart werden können. „In unserem Projekt haben wir 2.500 Euro pro Wohneinheit anvisiert – in der Ausführung wird es derzeit noch ein wenig mehr kosten, aber die Richtung stimmt.“ 

Baukosten:  Mehr für´s gleiche Geld trotz gestiegener Anforderungen
In einer Studie aus dem Jahr 2014 zur Preisentwicklung im Zuge höherer Anforderungen bei der Gebäudeenergieeffizienz im Auftrag der DENEFF konnte Schulze Darup zeigen, dass die Baukosten seit 1990 preisbereinigt trotz höherer energetischer Anforderungen nicht gestiegen waren und der Eigentümer für das gleiche Geld sogar einen besseren Wärmeschutz, ein besseres Dach und bessere Fenster bekam Opens external link in new window(Initialstudie Preisentwicklung Gebäudeenergieeffizienz). Das galt auch für Energiestandards, die weit über die Energieeinsparverordnung 2014 hinausgingen: „Am wirtschaftlichsten sind Plusenergiehäuser“, betont Schulze Darup. „Bei aktuellen Förderkonditionen und einer optimierten Planung sind sie ab dem ersten Monat kostengünstiger als Standardhäuser“.

Gute Investition in die Zukunft am Beispiel eines KfW-Effizienzhaus 55
In seinem Bericht über Lösungsansätze für zukünftiges Bauen aus der Sicht des Handwerks bestätigte Bernd  Ludwig von der Bott Bau GmbH aus Guldental die Einschätzung zur Baukostenentwicklung aus einem anderen Blickwinkel: „Im Jahr 2000 lag der Anteil der Rohbaukosten an den Baugewerkskosten noch bei 54%, im Jahr 2014 war er auf 46% gesunken - umgekehrt war es bei den Kosten für die Ausbaugewerke“. In die Kosten für die Heiztechnik, zum Beispiel für eine Gasheizung, müssten auch weitere Kosten wie für den Einbau eines Kamins, das Legen der Gasleitung und die Fixkosten beim Betrieb mit eingerechnet werden, um korrekte Vergleiche anstellen zu können. Am Beispiel eines von seinem Unternehmen realisierten Effizienzhauses im KfW55-Standard im Nahetal stellte er dar, dass das dort installierte Heizsystem, bestehend aus Luft-Wasser-Wärmepumpe und Zuluft-/ Abluft-Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, nicht teurer sei als eine Gasheizung mit entsprechender Lüftungsanlage. „Alleine durch die Wahl der Baumaterialien und konstruktive Maßnahmen erreichten wir einen deutlich geringeren mittleren Transmissionswärmeverlust im Vergleich zu den Mindestvorgaben der aktuellen Energieeinsparverordnung.“ Und das bei einem überschaubaren Mehraufwand an Kosten in Höhe von ca. 12.000 Euro, wobei hierbei noch keine Förderungen berücksichtigt seien. „Wenn man für die Betrachtung der Wirtschaftlichkeit einen Zeitraum  von 30 Jahren ansetzt, ist das gut investiertes Geld“, so Ludwig.

Diese langfristige Betrachtungsweise unterstützte Schulze Darup ausdrücklich: „Wenn junge Leute heute bauen wollen, dann sage ich ihnen: Überlegt nicht, was ist der Standard heute, sondern was ist der Standard in 20 Jahren?“ Und das gehe sehr wohl wirtschaftlich, denn: Brauchen wir in 20 Jahren zum Beispiel noch einen Kamin für eine fossile Heizung?

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Übrigens: besonders gelungene Beispiele für energetische Bau- und Sanierungsmaßnahmen enthält der Opens external link in new windowEnergieatlas Rheinland-Pfalz. Hochenergieeffiziente Wohn- und Nichtwohngebäude zeichnet die Energieagentur mit der Opens external link in new windowKlimaschutzplakette „H.ausgezeichnet“ aus.