Thema: Die Folgen des Klimawandels für Rheinland-Pfalz

Dr. Ulrich Matthes: "Der Klimawandel ist auch in Rheinland-Pfalz angekommen"

Dr. Ulrich Matthes,
Foto: Rheinland-Pfalz Kompetenzzentrum
für Klimawandelfolgen

Am 7. November beginnt in Marrakesch (Marokko) die UN-Weltklimakonferenz COP22, bei der die Folgen des Klimawandels einer der Themenschwerpunkte sein werden.

In Rheinland-Pfalz sorgt seit 2010 das Opens external link in new window„Rheinland-Pfalz Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen“ bei der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt für Transparenz und Information zum Thema Klimawandel. Außerdem berät es Politik, Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit über die Folgen des Klimawandels.

Das Kompetenzzentrum betreibt eigene Forschungsaktivitäten, bereitet die Daten und Erkenntnisse auf und macht Vorschläge für notwendige Anpassungsmaßnahmen.

Leiter der Einrichtung ist Dr. Ulrich Matthes. Mit ihm sprach die Energieagentur Rheinland-Pfalz über die Folgen des Klimawandels für das Land.

 

Energieagentur Rheinland-Pfalz: Herr Dr. Matthes, bislang war der Klimawandel eher Thema für internationale Konferenzen. Aber die Wetterextreme des Sommers 2016 haben gezeigt, dass der Klimawandel längst auch in Rheinland-Pfalz angekommen ist. Überrascht Sie als Forscher die Vehemenz der spürbaren Veränderungen in Rheinland-Pfalz?

Dr. Matthes: Der Klimawandel wird seit einigen Jahren auch auf nationalen, regionalen und lokalen Konferenzen thematisiert und diskutiert. Zu extremen Wetterereignissen kam es auch vor 2016 immer wieder. Denken wir etwa an den Hitzesommer 2003 mit vielen Hitzetoten in ganz Europa, an den extrem trockenen, überdurchschnittlich warmen Sommer 2015 oder an lokale Sturm- und Hagelereignisse in Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren. Für sich genommen kann ein Einzelereignis nicht ursächlich auf den Klimawandel zurückgeführt werden. In der Summe dagegen liefern die extremen Situationen der letzten Jahre Indizien für den auch bei uns bereits spürbaren Klimawandel. Mit Klimamodellen für Rheinland-Pfalz in die Zukunft „projizierte“ (nicht „vorhergesagte“, da es sich um mögliche Szenarien handelt) Klimaveränderungen lehren uns, dass extremes Wetter bzw. extreme Wettersituationen zunehmen. Insofern überraschen uns die jüngsten Ereignisse, auch in ihrer Stärke, kaum.

Wo sehen Sie aus Forschersicht in Rheinland-Pfalz derzeit den größten Handlungsbedarf, um den Klimawandel noch abzumildern?

Der Klimawandel kann nur durch eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen abgemildert werden. Gleichzeitig wird es unvermeidbare Folgen des Klimawandels geben, die wir heute schon spüren und an die wir uns anpassen müssen. Dazu brauchen wir Informationen über die anfälligen Bereiche in unserer Umwelt, in unseren Städten und in unseren Unternehmen. Doch zurück zum Klimaschutz: Gemessen am globalen Ausstoß an Treibhausgasemissionen hat Rheinland-Pfalz einen verschwindend geringen Anteil. Insofern ist natürlich auch der mögliche Beitrag zum globalen Klimaschutz begrenzt. Dennoch müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen und demonstrieren, dass die Energiewende funktioniert und eine CO2-neutrale Energieversorgung möglich ist.

Rheinland-Pfalz hat hierzu in seinem 2015 veröffentlichten Klimaschutzkonzept 99 Maßnahmen aus acht Handlungsfeldern formuliert, durch deren Umsetzung die Klimaschutzziele des Landes (Verringerung der Gesamtsumme aller Treibhausgasemissionen in Rheinland-Pfalz bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 % im Vergleich zum Basisjahr 1990 und bis zum Jahr 2050 Klimaneutralität bzw. mindestens 90 % Verringerung) erreicht werden sollen. Dabei liegt im Verkehrssektor zweifellos ein sehr großer Handlungsbedarf. Rheinland-Pfalz ist ein Flächenland, mit einem dicht verzweigten Verkehrssystem und europaweit bedeutsamen Verkehrsachsen für den Straßen-, Schienen- und Schiffsgüterverkehr. Klimaschonende Verkehrsträger müssen insbesondere im ländlichen Raum gefördert werden, die unterschiedlichen Verkehrsträger müssen logistisch sinnvoll verknüpft werden. Gerade im Bereich Radverkehr gibt es trotz guter Angebote vielfältige Ausbaupotenziale, beispielsweise was Stellplätze, Verleihsysteme und Anknüpfungen an andere Verkehrsträger anbelangt.

Wird es auch Gewinner eines Klimawandels in Rheinland-Pfalz geben?

Im Klimawandel wird es sicher auch Gewinner geben. Diese können sowohl räumlich als auch zeitlich jeweils andere sein. In Rheinland-Pfalz kann beispielsweise der Tourismus zu den Gewinnern zählen. Wandern, Radfahren und generell Outdoor-Aktivitäten profitieren von höheren Temperaturen in den Übergangsjahreszeiten. Außerdem kann sich die Badesaison verlängern. In der Land- und Forstwirtschaft können wärmeliebende Arten und Sorten zu den Gewinnern zählen. Der Weinbau kann durch den vermehrten Anbau von anspruchsvollen Rotweinsorten wie Cabernet Sauvignon oder Merlot profitieren. Doch hier ist die Sache schon wesentlich komplizierter. Vermehrt auftretende extreme Wetterereignisse wie Starkregenereignisse und Hagelschlag können große Schäden verursachen. Feucht-warme Witterungsperioden können Krankheiten und Schädlinge wie die Kirschessigfliege begünstigen. Die Bewirtschaftung wird also komplexer, Flexibilität und Risikostreuung sind die Strategien der Zukunft. In der Forstwirtschaft kann sich ein CO2 Anstieg insofern positiv auswirken, als mehr Kohlendioxid zu einem gesteigerten Wachstum und damit zu mehr Biomasse und Ertrag führt. Dies gilt zumindest mittelfristig, je nach Baumart bis zu einem bestimmten Schwellenwert, ab dem zusätzliches Kohlendioxid nicht mehr ertragssteigernd verwertet werden kann. Im Wald steht die Strategie der Risikostreuung im Vordergrund. Ziel ist die Entwicklung von naturnahen, mehrschichtigen Mischwäldern mit standortangepassten Baumarten.

In welchen Zeiträumen machen sich mögliche Veränderungen beim Klima bemerkbar und wie können wir darauf reagieren?

Nur eine drastische und schnelle  Reduktion von Treibhausgas Emissionen kann die weitere Erwärmung des Klimasystems  bremsen oder gar stoppen. Das Klimasystem ist  träge, die Treibhausgase haben eine Verweilzeit von über 100 Jahren in der Atmosphäre. Lokal können  Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel  sehr schnell Erfolge zeigen. Beispielsweise kann ein neu gestalteter Platz in einer Stadt mit einem hohen Grünanteil und viel Schatten die Aufenthaltsqualität bei Sommer- und Hitzetagen schon heute verbessern. Auch Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sind häufig zunächst einmal mit Kosten verbunden. Schäden infolge extremer Ereignisse können dadurch vermeidbar sein. Allerdings kann in der Regel nicht quantifiziert werden, welche Schäden und Kosten ohne Anpassung entstanden wären. Sicher ist jedoch, dass eine Zunahme von Extremereignissen wahrscheinlich ist und das Risiko für – auch nicht bezahlbare und nicht zu beseitigende – Schäden ansteigt.

Teilen Sie die Ansicht einiger Experten, dass sich die Ökosysteme nur bis zur Klimaerwärmung von zwei Grad Celsius problemlos an den Klimawandel anpassen können?

Das 2-Grad-Ziel ist nicht aus der Luft gegriffen. Mit einer Erwärmung über zwei Grad begibt sich die Menschheit in einen Temperaturbereich, in denen die Auswirkungen zunehmend nicht mehr beherrschbar sein werden. Wichtige Elemente des globalen Klimasystems kippen, mit der Folge, dass auch viele Ökosysteme irreversibel geschädigt werden und eben nicht mehr in der Lage sind, ihre Funktionen oder Leistungen zu erfüllen bzw. wiederherzustellen. Ökosysteme wie die alpinen Gletscher oder die Korallenriffe haben dagegen schon heute massive Probleme mit einer Erwärmung von weniger als zwei Grad. Andere Systeme wie die borealen Nadelwälder oder die Sahelzone kommen dagegen erst bei etwa 4 Grad Temperaturerhöhung in die kritische Zone. Wenn wir von Schwellenwerten wie dem 2-Grad-Anstieg reden, sollten wir übrigens immer bedenken, dass es sich bei dem 2-Grad-Ziel um eine Erwärmung relativ zur vorindustriellen Zeit handelt. Einen großen Teil dieses Puffers hat die Menschheit bereits „verbraucht“. Und es muss auch gesehen werden, dass es große räumliche Unterschiede gibt und die zwei Grad nur das weltweite Mittel darstellen. Global beträgt die Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits etwa 0,9 °C, in Rheinland-Pfalz sogar schon 1,4 °C.   

Interviewfragen: Markus Frey

Kontakt:

Dr. Ulrich Matthes
Telefon: 06306-911153, E-Mail: ulrich.matthes(at)klimawandel-rlp(dot)de

www.klimawandel-rlp.de, www.kwis-rlp.de, www.fawf.wald-rlp.de

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