Nachgefragt bei… Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen e.V. (VKU)

„Digitalisierung wird neben Dekarbonisierung das Thema der nächsten Jahre“

Katherina Reiche, VKU
Foto: VKU/Chaperon

Energiesparen durch intelligente Stromzähler: Ab 2017 besteht für Kommunen, Unternehmen und ggf. private Stromkunden die Pflicht, einen intelligenten Stromzähler zu installieren. Was müssen Institutionen bei der Einführung beachten? Welche Vorteile bringt ihnen der Smart Meter? Und welche Herausforderungen gilt es zu umschiffen? Wir haben bei Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen e.V. (VKU), nachgefragt.

Frau Reiche, die Digitalisierung der Energiewende ist derzeit in aller Munde. Was bedeutet das eigentlich?

Die Digitalisierung ist ein „Game Changer“, der viele Bereiche verändern wird. Keine Branche wird sich ihr entziehen können. Auch nicht die Energiebranche. Neben der Dekarbonisierung wird die Digitalisierung das Thema der nächsten Jahre sein. Geschäftsprozesse werden komplexer und Rollen neu verteilt, neue Akteure treten in den Markt, die Kundennachfrage und -ansprüche sowie die Anpassungs- und Innovationsgeschwindigkeit steigt. „Ob“ Digitalisierung stattfindet ist nicht die Frage. Es dreht sich nur noch um das „Wie“. Die Branche muss handeln und tut es bereits.

Was ist ein intelligentes Messsystem im Vergleich zu einer modernen Messeinrichtung und was soll mit diesem erreicht werden?

Moderne Messeinrichtungen sind digitale Stromzähler. Werden diese jedoch mit einem Kommunikationsmodul, neudeutsch Smart-Meter-Gateway, verbunden, entsteht daraus ein intelligentes Messsystem. Man kann diese dann aus der Ferne ablesen. Dies bringt viele Vorteile, so lässt sich etwa die Einspeisung von erneuerbaren Energien noch genauer abstimmen.

Wen betrifft die Umstellung auf ein intelligentes Messsystem? Wer soll nach dem vorliegenden Entwurf damit ausgestattet werden und in welchem Zeitraum soll das geschehen?

Ab dem kommenden Jahr sind Großverbraucher mit mehr als 10.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch und Erzeuger, zum Beispiel Besitzer einer Solaranlage mit mehr als sieben Kilowatt Leistung, betroffen. Für den weiteren Rollout sind Zeiträume von bis zu 16 Jahren vorgesehen, wobei die Schwellwerte nach und nach abgesenkt werden. Ab 2020 sind Verbraucher ab 6.000 Kilowattstunden im Jahr und größere Erzeuger zum Einbau verpflichtet. Zum Vergleich: Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht jährlich durchschnittlich rund 3.500 Kilowattstunden Strom.

Optional können ab 2020 auch kleinere Verbraucher mit weniger als 6.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch beziehungsweise ab 2018 auch kleinere Erzeuger – ausschließlich Neuanlagen zwischen einem und sieben Kilowatt – mit intelligenten Messsystemen ausgestattet werden.

Wer hat die Kosten für das intelligente Messsystem zu tragen? Wie kommen die vorgesehenen Preisobergrenzen zustande?

Die Kosten trägt der Stromkunde. Entsprechend seines Jahresverbrauchs sieht das Gesetz unterschiedliche Preisobergrenzen vor. Ein Beispiel: Wer zwischen 6.000 und 10.000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbraucht zahlt für die Umrüstung bis maximal 100 Euro brutto.

Die hierzu notwendige Vorfinanzierung tragen in der Regel die Verteilnetzbetreiber. Die im Gesetz verbindlich festgesetzten Brutto-Preise für den Einbau intelligenter Messsysteme und modernen Messeinrichtungen fordert die Verteilnetzbetreiber enorm: Die IT-Systeme und Prozesslandschaften in den Unternehmen müssen ab 2017 vollständig an die „neue Zählerwelt“ mit einer 15-minütigen Messung und an die neuen Kommunikations- und Sicherheitsstandards angepasst werden. Das setzt hohe Investitionen in Technik, Know-how und Personal voraus. Weil aber zunächst nur wenige Zähler verbaut werden, sind die Möglichkeiten zur Refinanzierung beschränkt.

Können Unternehmen und Kommunen vom Einsatz des intelligenten Messsystems profitieren?

Ja, intelligente Messsysteme können dabei helfen, die Auslastung und Steuerung der Stromnetze zu optimieren und diese mit dem Verbrauchsverhalten der Kunden besser auszubalancieren. Gerade Erneuerbare-Energien-Anlagen, die zu einem großen Teil Strom nur schwankend erzeugen können, erfordern Flexibilität. Intelligente Messsysteme ermöglichen zudem den Aufbau „intelligenter Netze“ (Smart Grid). Diese bilden wiederum die Grundlage „intelligenter Märkte“ (Smart Market).

Auf Grundlage der hochauflösenden Verbrauchsdaten können außerdem neue Produkte und (Energie-) Dienstleistungen entwickelt und angeboten werden. Davon profitieren in erster Linie Großabnehmer wie Unternehmen und Kommunen. Das gilt teilweise auch für Haushalte. Hier können intelligente Messsysteme Türöffner für zukünftige neue Vertriebsangebote sein, etwa von Smart-Home-Dienstleistungen.

Bei den ermittelten Daten geht es ja auch um personenbezogene Daten: Welche Vorkehrungen werden getroffen, um Datenschutz und Datensicherheit zu gewährleisten?

Datenschutz und Datensicherheit werden durch gesetzliche Vorgaben und durch das vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik erarbeitete Datenschutzkonzept eingehalten. Die Hoheit über die Daten ist und bleibt beim Endkunden. Kommunale Unternehmen gehen seit jeher vertrauensvoll und sorgsam mit zukünftig hochauflösenden Verbrauchsdaten um. Auch der Schutz der kritischen Infrastrukturen wird von den kommunalen Unternehmen sehr ernst genommen. Kommunale Energieversorger arbeiten datensparsam.

Netzbetreiber nutzen die Daten in erster Linie, um Systemstabilität zu gewährleisten. Systemsicherheit und –Stabilität werden auch in Zukunft eine lokale und regionale Aufgabe bleiben. Auf der Verteilnetzebene werden die Erneuerbaren Energien zu 97 Prozent eingespeist. Die Infrastruktur muss auch zukünftig entsprechend der spezifischen Anforderungen vor Ort gemanagt werden. Die Kunden wissen das zu schätzen und belohnen ihre kommunalen Unternehmen mit außerordentlich großem Vertrauen: Drei von vier Bundesbürgern bringen gemäß einer aktuellen forsa-Befragung kommunalen Unternehmen großes Vertrauen entgegen.

Ihr Fazit zur Digitalisierung der Energiewende: verunglückt oder geglückt?

An dieser Stelle ein Fazit zu ziehen, wäre voreilig. Wir befinden uns mitten in einem hochkomplexen Prozess. Dennoch stellen wir fest, dass die Interessen kommunaler Verteilnetzbetreiber bisher nur unzureichend berücksichtigt werden. Die Digitalisierung bietet dennoch die Chance, gesamtgesellschaftliche Herausforderungen wie die Energiewende auf bisher nicht gedachtem Wege anzugehen und effizienter zu begegnen. Kommunale Unternehmen leisten seit jeher einen wichtigen Beitrag zu einem funktionierenden Gemeinwesen, zu sozialer Teilhabe und zu Versorgungssicherheit. In diesem Sinne sind sie auch wesentliche Akteure für das erfolgreiche Gelingen des digitalen Wandels.

Frau Reiche, wir danken Ihnen für das Interview.

Hinweise der Redaktion:

Die Smart-Grids-Woche, die vom 4. bis 6. Oktober 2016 in Rheinland-Pfalz stattfinden wird, steht in diesem Jahr unter dem Motto „Digitalisierung der Energiewende“. Sie fokussiert in Fachveranstaltungen die aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen, Umsetzungserfordernisse, beispielhafte Geschäftsmodelle sowie Erfahrungen aus Pilotprojekten.

Fördermöglichkeiten bei der Digitalisierung der Energiewende bietet zum Beispiel das neu gestartete „Pilotprogramm Einsparzähler“ des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi). Mit dem Programm möchte das BMWi die Digitalisierung auch für den Bereich der Energieeffizienz nutzbar machen.

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