Nachgefragt bei: Dr. Michael Kopatz, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH

Dr. Michael Kopatz

Energieagentur: Bei Ihrem viel beachteten Vortrag beim Wärmekongress der Energieagentur haben Sie Klimaschutz mit einer Diät verglichen. Am Anfang verliert man schnell überflüssige Pfunde, dann wird es zunehmend schwerer. In welcher Phase befinden wir uns Ihrer Meinung nach gerade?

Dr. Kopatz: Nun, unsere CO2-Emission liegt gerade bei rund zehn Tonnen je Bundesbürger im Jahr. Das war mal deutlich mehr. Um diesen Wert zu erreichen haben wir einiges auf den Weg gebracht: Etwa den Energieverbrauch von Gebäuden verringert, hohe Standards für den Neubau festgelegt, die Gerätschaften in unseren Haushalten auf Effizienz getrimmt und geradezu vorbildlich in Strom aus Sonne und Wind investiert. Auch die Industrie hat große Anstrengungen für den Klimaschutz unternommen. Aber: Die günstigen Einsparpotenziale, die sich rasch amortisieren, haben wir in vielen Bereichen schon weitgehend gehoben. Das Ziel, die CO2-Emission auf zwei Tonnen zu reduzieren, wird jedoch nicht durch rein technische Maßnahmen zu erreichen sein. Notwendig sind auch sozial-kulturelle Veränderungen.

In Ihren Augen ist der wirtschaftliche Wachstumsdruck eine der wesentlichen Ursachen für den Klimawandel. Wie können wir aus dieser Spirale aussteigen?

Das ist kein ganz leichtes Thema. Es gibt verschiedene Zwänge und Treiber für Wachstum. Ein klares Alternativkonzept liegt nicht vor. Vielmehr gibt es verschiedene Gegenstrategien, mit denen zumindest etwas Druck aus dem Wachstumskessel entweichen kann. Beispielsweise bräuchten wir kürzere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich, eine stärkere Reglementierung der Finanzmärkte – so wie es einmal in den 1970 Jahren der Fall war, womöglich ist eine Kopplung der Währung an konkrete Werte wie seinerzeit Gold erforderlich. Hilfreich wären auch Regionalwährungen und ein Stärkung von regionalen Wirtschaftskreisläufen. Wir brauchen mehr Nahversorgung statt TTIP. Dieses Abkommen wäre ein Wachstumstreiber, verhinderte zukünftig eine Verbesserung von Standards und hat nachweißlich keinerlei positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit der Bundesbürger.

Eine Ihrer zentralen Aussagen lautet: Die Politik muss in Sachen Energiewende die Richtung vorgeben, aber wir brauchen auch Bürger, die diese Richtung einfordern. Wie sollten sich Bürger am besten Gehör mit ihren Forderungen verschaffen?

Sie tun es bereits jetzt schon. Siehe AKW-Bewegung, Stuttgart 21 oder die Bürgerinitiativen gegen Stromtrassen und Windkraft. Manchmal nach dem Prinzip »Nicht vor meiner Haustür«, aber oft auch bei relativ komplexen und fernab gelegenen Themen wie etwa bei der Landwirtschaft oder dem Freihandel. Manchmal sind die Bürgerinnen und Bürger mental schon viel weiter als die Politik. Würde kein weiteres Freihandelsabkommen geschlossen, es gäbe wohl kaum Aufregung darüber in der breiten Bevölkerung. Insgeheim spüren die Menschen, dass es nicht immer mehr sein muss. Diese Stimmung kann die Politik aufgreifen und behutsam Rahmenbedingungen für einen sozial-kulturellen Wandel schaffen. Die Menschen sind bereit sich von alten Gewohnheiten und Routinen zu verabschieden, solange das nicht von heute auf morgen geschehen muss.

Ihr Credo lautet: Verzicht ohne Einschränkung der Lebensqualität zugunsten des Klimaschutzes ist möglich. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Mich irritiert es etwas, dass die Begrenzung von Expansion häufig schon als Verzicht bezeichnet wird. Beispielsweise fliegen die Deutschen so viel wie nie zuvor. Die Fliegerei auf das gegenwärtige Niveau zu begrenzen, ist das Mindeste, das wir tun müssen, wenn wir uns selbst ernst nehmen. Keinem wird dabei etwas weggenommen. Das gilt für viele andere Bereiche, etwa im Wohnungs- und Straßenbau. Beides ist entbehrlich, besonders solange die Bevölkerung wie hierzulande schrumpft. Wenn wir die Expansion des Überflusses nicht beenden, machen wir uns gegenüber den nächsten Generationen lächerlich. Wir leben in der Vergangenheit der zukünftigen Enkel. Diese werden für unsere Verschwendungssucht wenig Verständnis haben.

 

Wer sich ausführlicher mit den Überlegungen von Dr. Michael Kopatz über Klimaschutz auseinander setzen möchte, findet dazu Anregungen in seinem Fachartikel zum Thema "Suffizienz als Teil der Energiewende".

 

Zurück zur Newsletter Gesamtansicht